< artcinema 2001 >  


FRANKFURTER ARBEITEN
IN MEMORIAM ULRICH WIESNER

06. – 08. 04. 2001

Texte (wenn nicht anders angegeben) von Georg Wasner

Freitag, 6. April 2001, 23h
Teil 1

“MIA ZIA”; Nino Pezzella/16mm/Ton/1,5Min./1984 Innerhalb kurzer 90 Sekunden gelingt es Pezzella abstrakte Sensationen und die genaueste Dokumentation eines Ortes in den italienischen Abruzzen zu liefern. 90 Sekunden - relativiert durch das Vermögen eine ganze Welt darin einzuschließen, werden zu einer am Schneidetisch geborenen Zeitfalle, ein Kontinuum aus rasenden Querverbindungen. Ein komplexer Film, synthetisiert aus einfachen, realen Geschehnissen. Seine Ingredenzien: Die Brandung des Meeres, ein wirr zusammengefügter Steg aus Holz, Fische - vor und während des Ausnehmens, züngelnde Flammen, ein Totenkopf, ein Rost mit einem Stück Fleisch darauf, eine aufgebahrte Jesusfigur - von den Teilnehmern einer Prozession getragen, das Gesicht einer Frau - in der Unschärfe wie ein Marienbildnis, ein Büßer - auf seinen Schultern ein Kreuz, ein Lamm durch dessen weit geöffnete Halsschlagader ein Faden Blut austritt, eine Blasmusikkapelle, an Fleischerhaken aufgehängte Schlachttiere, die Silhouette einer Stadt, die Dünung der See. Die einzelnen Szenen werden in wenige Kader zählende Einheiten zerschnitten und nach Analyse miteinander alternierend rekombiniert, mit dem Ton wird ebenso verfahren. Ein Beziehunsgeflecht entsteht. Form generiert Inhalt, Inhalt Form. Faltung, Kondensierung, geballte Energie - visuelle Eleganz.

“MISTRAL”; Bernhard Schreiner/16mm/Ton/8Min./1999 “MISTRAL” als Gegenpol zu “MIA ZIA”. Bei Schreiner eine mit lässiger Geste ausgeführte, chronologisch gereihte, atmosphärische Proposition (mit viel Fleisch am Knochengerüst), bei Pezzella ein achronologisches Kondensat (mit einer bis auf die Knochen reduzierten Aussage). Bei Schreiner eine Feier der Absenz der vordergründigen Handlung, bei Pezzella durch Handlungen geformte Struktur. Viele unterschiedliche visuelle Stile bei Schreiner, die strikte Einhaltung eines Bauprinzips innerhalb eines Filmes bei Pezzella. - Die Verwandtschaft der beiden Filmemacher: Die Fähigkeit organische Strukturen zu schaffen. Ein Aufenthalt in der Ardèche bietet Schreiner Gelegenheit zur Sammlung kontemplativer Eindrücke, die so gefundenen Ausgangsbilder werden einer intuitiven Richtigstellung unterzogen. Der Intuition des Filmemachers wird bereits während der Aufnahme einiger Platz eingeräumt, meist sind Schreiners Filme schon zu einem guten Dreiviertel fertig, wenn sie aus der Kamera kommen. Saccadensprungschnelle Blicke, schmetterlingsflügelhafte Brennweitenveränderung, Verwinkelung des Ganges der Gedanken. Der Frühling über den Steinen der Ardèche.

“97/98”; Goh Harada/16mm/Ton/8Min./1998 Bei Haradas Filmen "97/98" und "96/97" sind die Unterschiede zwischen der Oberfläche der abgebildeten Handlungen und ihrer tiefer liegenden Bedeutung von Interesse. Eine Ansammlung von Reden und Gegenreden, von Gesten, Grimassen - ein Film im Plauderton, aus dem Reichtum der im Tokioter Elternhaus aufgezeichneten verbalen und nonverbalen Kommunikation schöpfend. Darunter verbirgt sich kraft der Montage ein anderer Körper. Ein Detail der Verknüpfungslogik genauer betrachtet und schon zerbricht die scheinbare Oberfläche der alltäglichen Verrichtungen in tausend Bezugssplitter. Ein Spiegelbild im Spiegel- der Filmemacher spiegelt sich zunächst in den Gesichtern der Porträtierten, ferner durch eine äußerst feine, körpergebundene Kameraführung (- gleich einem Kunstschützen zielt er “aus der Hüfte” und benutzt den Sucher der Kamera nicht), sein subtiler Humor spiegelt sich schließlich durch die künstliche Zuspitzung des Gesammelten am Schneidetisch.

“SWEET SWEET”; Frank Biesendorfer/16mm/Ton/3Min./1997 Ein Liebesfilm, der mit traumwandlerischer Sicherheit den richtigen Ton anschlägt. Dabei das Gegenteil von Haradas Film, trotz Fokussierung auf dasselbe Interessensfeld: der Partner, die Familie, die Heimat. Anstatt Tokio Florida, anstatt einem Ballett der Bezüge das auf kleinstem Raum aufgeführt wird, taktisch eingesetzte Naivität und Schludrigkeit. Und Hank Williams singt “I'm so lonesome, I could cry” dazu.

“GRANATAPFEL”; Ulrike Reichhold/16mm/ohne Ton/1Min./1987 Reichhold läßt die diffizilen Aufzeichnungen aus dem Alltag Inspiration schöpfender Filmemacher mit einer explodierenden Gleichzeitigkeit (die nur wenige Sekunden währt) hinter sich: Man sieht einen Granatapfel, einen Schnitt mit einem Messer durch diesen, danach werden dem Trägermaterial (des Granatapfels) korrelierende Filmschnitte beigefügt.

“3 FILME”; Thomas Draschan/16mm/ohneTon/9Min./1998 Die Verfolgung eines konzeptionellen Prinzips einen ganzen Film hindurch. Eine mathematische Idee für die Struktur eines Filmes, ohne die Hilfe eines Schneidetisches in der Kamera gefertigt, trifft auf die Faktizität der Außenwelt. Jeder Kader bewusst einzeln belichtet - also fotografiert. Dieses Standbild durch die Abwechslung mit dem darauf folgenden in kinemathographische Bewegung versetzt. Ergebnis: rasender Stillstand, die Dehnung der Naturgesetze und die Erfüllung des Wunsches Tag und Nacht gleichzeitig in einer Klammer zu fassen. Ein dreidimensionaler Film, auf zwei Arten geschaffen: Erstens durch dreidimensionale Effekte, hervorgerufen durch die Interferenz der sich immer wieder überlagernden Ähnlichkeit der Bildinformation. Zweitens durch die subtile Tiefenabstufung des Bildinhaltes selbst, die in zwei Richtungen funktioniert: Die Aussicht auf einen städtische Platz, durch eine Glasscheibe hindurch, und der Raum, in dem sich der Filmemacher aufhält, als Spiegelung auf dem Fensterglas sichtbar gemacht.

“HOCHBERG”; Bernhard Schreiner/16mm/Ton/3,5Min./1995 Sommer und Winter treffen aufeinander. Die Bühne dazu bietet ein Berg in der Nähe Wiens, weitere Akteure dieses Dramas eine Figurengruppe, die Souffleusen Zikaden. Oder ein Bilderrätsel, seiner eigenen Aufklärung mit jedem zurückgelegten Filmmeter schneller entgegeneilend. Warum Bild, warum kein Bild, warum Ton, warum Stille - Warum das Zirpen der Zikaden?

“HWA SHAN DISTRICT, TAIPEI”; Bernhard Schreiner/16mm/Ton/13Min./2000 Ein Industrieviertel in der Mitte Taipeis soll geschliffen werden, Schreiner besucht dieses einige Wochen vor der Demontage, streift mit seiner Kamera zwischen den Ruinen herum, setzt die Bilder, die er in diesem Wasteland sammelt in Beziehung zu der belebten Stadt um ihn herum. Die formalen Kriterien nach denen die Aufnahmen erfolgen liegen primär in der Erfahrbarmachung der Architektur begründet. Um die Porösität der Mauern, die Durchlässigkeit der ganzen Stadt sichtbar zu machen, sind andere Mittel nötig, als wenn es darum geht die Verkehrsbrandung zu zeigen, oder die stille Tiefe eines Raumes. Und so sondiert Schreiner das Terrain mit einer ganzen Bandbreite unterschiedlicher Stile. Einmal sind es Brennweitenverlagerungen, ein anderes Mal einfache Manipulationen an der Blende, dann die Metaphernmontage harter Schnitte. Anfänglich verwirrt diese Bandbreite unterschiedlicher filmischer Ausdrucksweisen, doch nachdem man die einen umgebenden Räume einige Zeit mit Schreiner durchstreift, erkennt man, daß der anfängliche Manierismusverdacht unbegründet war: Es ist die Faszination des Gebrauchswertes der Erkenntnisleistung, die die Apparatur in des Filmemachers Händen (- der weit davon entfernt ist, eine experimentelle Untersuchung des Raumes durchzuführen) fähig ist zu leisten. Der Film ist lebendig wie die Stadt um ihn herum, pulsiert, er atmet, setzt über Leerstellen, dringt in Ritzen vor, ist einmal wie Wasser, ein anderes Mal wie Luft, - besitzt er einen physischen Körper? Nachdem das Wesen des Films allerdings auch zur Schaffung von Syllogismen fähig scheint, gesellt sich zur verwirrenden physischen Qualität Abstraktionsvermögen - Seele.

“COCULLO”; Nino Pezzella/16mm/Ton/30Min./2000 Mit “COCULLO" kehrt Pezzella noch einmal an den Ort seiner früheren filmischen Unternehmungen (die Abruzzen) zurück. Über mehrere Jahre hinweg beobachtet er die Vorgänge rund um den Umzug im Namen des lokalen Schutzheiligen Domenikus, dessen Statue im Frühling mit der mäandernden Pracht der von den Bewohnern Cocullos gefundenen Schlangen dekoriert wird. Pezzella gelingt eine derartig systematische und genaue Beschreibung der Situation, daß einem der unheimliche Gedanke kommen könnte, der Filmemacher wäre im Stande gewesen Alles auf einmal zu überblicken und es in Beziehung zueinander zu setzen, was an diesem Ort stattfand (- und dieser Ort ist ein ganzes Tal). Ein nicht enden wollender Augenblick, und die Antwort auf die Frage, was diese von Pezzella gefundene, genuin filmische Form (deren Gestaltung die Energie des Filmemachers in kurzer Zeit eigentlich restlos aufgezehrt haben müßte) in ihrer langen Version (gegenüber der kurzen 90 Sekunden von “MIA ZIA”) auszusagen imstande ist.


Samstag, 7. April 2001, 23h
Teil 2

“FRISCH”;
Karin Hörler/16mm/Ton/3Min./1987
Am Mittag gebratene Steaks und Schnitzel,
herzhafter Schinken,
Leberkäs und Salami am Abend.
Würstchen und Speck in frischer Gemüsesuppe. Scharfgewürztes Schaschlik am Spießchen.
Garnierte Aufschnittplatte für abendliche Gäste.
Kräfigende Wurstwaren für die Schulpause.
Duftender Braten für den sonntäglichen Tisch.
Wiener Würstchen,
als kleines Schnellgericht
aus ihrem Fleischerfachgeschäft.

“2 CHINESISCHE ZEICHEN”;
Thomas Feldmann/16mm/Ton/2Min./1984
Aggression und Melancholie in einem erschöpfenden Reigen. Die Linie seiner Erzählung zieht Feldmann mit sicherer Hand durch ein Trümmerfeld, die Hindernisse, die ihm sein disparates Ausgangsmaterial in den Weg legt, werden dabei zur Herausforderung. Einer der wenigen vollendeten Filme des jung verstorbenen Filmemachers.

“96/97”;
Goh Harada/16mm/Ton/6Min./1997
Übung in Hyperrealismus, die Erste: bevor Harada mit “97/98” seine Kunstfertigkeit im Umgang mit der Kamera und dem Schneidetisch erneut unter Beweis stellen wird (und sich darin selbst übertrifft), geht er in “96/97” erstmalig auf Fühlung mit dem Komplex des Privaten, schöpft diesem aussagekräftige Momente ab. Ein Zwillingsfilm: Auf den ersten Blick gleicht “96/97” seinem Nachfolger, der einzige Unterschied scheint der Einsatz von s/w Material gegenüber Farbe in “97/98” zu sein.

“NO WONDER”;
Frank Biesendorfer/16mm/Ton/13Min./1998
Biesendorfers Film ist dem Genre zuzurechnen, das man gemeinhin als Autobiographie oder Tagebuchfilm bezeichnet. Dieses Etikett vermag allerdings nur vage Auskunft darüber zu geben, was es bedeutet dicht hinter die Augen des Filmemachers zu rücken,- in seiner Haut zu stecken. Die strenge, festgefügte Form vieler Filme, die im Kontext der Städelschen Filmklasse entstanden, konterkariert Biesendorfer mit seiner ausufernden Erzähltechnik. Der Film wächst und wächst. Die Mühe eine endgültige Form zu finden, ist dem Filmemacher anzumerken. Biesendorfers Filme loten die Maßlosigkeit aus (und sind dabei doch nur wenige Minuten kurz), wo Pezzellas oder Haradas Filme das genaue Maß feiern. Jedoch steigt auch Biesendorfers Trefferquote der gelungenen Formulierungen mit dem Entschluß, die Materialsammlung mehrerer Jahre (und mehrerer eigener ausgeschlachteter Filme) für die Konstruktion von "NO WONDER" zu verwenden, exponentiell an.
Das fertige Werk ist schön wie etwas zufällig Entstandenes, dabei erscheint alles mit großer Sorgfalt und Naivität konstruiert.

“IL PALIO”;
Georg Wasner/16mm/Ton/1,5Min./1999
Vier Filmemacher unternehmen gemeinsam eine Reise durch Italien, es entstehen unabhängig voneinander vier Filmarbeiten, die sich, wenn gemeinsam aufgeführt, gegenseitig kommentieren, aber auch für sich selbst sprechen. Der Film “IL PALIO” ist der kürzeste und verdichtetste der vier Arbeiten, er ist ein lakonischer Kommentar der Verhältnisse, vielleicht ein Liebesfilm.

“LUI NON È”;
Alina Viola Grumiller/16mm/Ton/3,5Min./2000
(...)
potenz problem
mir tut`s leid das es ihm nicht gut geht
das ist eh was ich prognostiziere
damit kommt`s
eine gefühls regung
für irgendwas zu empfinden
du hast ihn stehen lassen
basta! womit ich ihm vielleicht unrecht getan habe
i stood suddenly
also es war nicht unangenehm
zwischen uns beiden
irgendwie
hat`s gereicht
(A.V.G.)

“FRAGMENT”;
Laura Padgett/16mm/Ton/2Min./1984
Das Schattenspiel ist ein Spiel der Hände, geheimnisvoll und doch klar. Das Gesehene ist schemenhaft, das Gehörte nur ein Raunen in einer fremden Sprache (oder wird der Ton verkehrt herum abgespielt?), all das wirkt jedoch, löst ein Gefühl aus, widersetzt sich aber genauerer Festlegung. Negativ folgt auf Positiv, die Bilder sind zeitlos, bleiben abstrakt, haben eine entfernte Ähnlichkeit mit Rayographien oder Photographien Moholy-Nagy`s. Dabei bewegen sich diese Bilder voll dunkler Schönheit im Taktschlag einer exakten Montage, die den Versuch einer sprachlichen Beschreibung ihrer Metaphern nicht zuläßt.

“MIT MIR”;
Kerstin Cmelka/16mm/ohne Ton/3Min./2000
Eine Rolle Film wird zweimal belichtet. Eine einfache Choreographie kontrolliert die Interaktion der beiden Figuren. (K. C.)

“GUT EIN TAG MIT VERSCHIEDENEM”;
Albert Sackl/16mm/ohne Ton/12Min./1999
“GUT EIN TAG MIT VERSCHIEDENEM” ist der vorläufige Höhepunkt einer mehrjährigen Reihe von Super-8 Filmen, in denen der Autor zugleich der zentrale und meist einzige menschliche Protagonist ist. Die weitgehend automatisierte Aufnahme läßt jedoch auch die Kamera ihr (maschinelles) Eigenleben hervorkehren. So entspinnt sich in Sackls Filmen ein Dialog zwischen menschlichen Agenten und apparativen, zwischen Kamera und beobachtetem Körper. “GUT EIN TAG...”, der rund 24 Stunden auf wenige Minuten komprimiert, ist, wie die meisten Filme Sackls, in einem black cube, einem “unsichtbaren” und nahezu völlig entleertem Heimstudio gedreht, wodurch auch der Aspekt (vermeintlicher) persönlicher Authentizität von Anbeginn gründlich distanziert wird. Alltägliche Situationen, elementare Verrichtungen (Essen, Schlafen etc.) wechseln sich mit inszenierten, performerischen Elementen ab (die Doppelstruktur Autor/Akteur spiegelt sich in jener von aktivem/passivem Protagonisten). Bei beidem aber wird die Konstruktion und Kalkulation herausgestellt: Was interessiert - der filmische Ertrag - ist die Studie von Bewegungen, mal von chaotischeren, mal von geordneteren. Sackls Choreographien, die er in seine Tagesgeschäfte scheinbar ganz natürlich einflicht, sind improvisierte und dennoch präzisest ausgeführte kleine Roboterballetts, in denen er die Möglichkeiten der Einzelbildtechnik virtuos auskostet: ein in symmetrische Tableaus erzitternder, sich vervielfältigender Körper bezaubert, wie seine Mimesis ans Maschinelle befremdet. (Thomas Korschil)

“METROPOLEN DES LEICHTSINNS”;
Ulrich Wiesner & Thomas Draschan/ 16mm/Ton/12Min./2000
Untertauchen, Zelleteilen, Scheibeschießen, Augenschließen- Türenschmeißen, Kurvennehmen, Mädchensehen, Stehengeblieben! Lichtgeblendet, Schalterdrücken- Topfsetkaufen, Welterklären, Lukashauen, Möbeldreschen, Sternesehen.(T.D.)

“PALATCA”; Gerhard Geiger/ 16mm/ Ton/ 23Min./ 1999
Im Frühling 1997 reist Geiger nach Siebenbürgen, Rumänien und besucht das Dorf Palatca. Eine Dokumentation der Arbeitsabläufe einer Bauernfamilie entsteht, jedoch ist dies kein Abschwenken der Lebensumstände, versehen mit einem Kommentar aus dem Off. Geiger ist in dem Film stark zu spüren, so stark, das man sich fragt ob er nun gemeinsam mit den Bauern über das Feld geht, im Traktor fährt, das Pferd führt, das Brot bäckt. Oder will er uns etwa weismachen daß das die subjektive Sicht eines rumänischen Bauers auf seine Scholle ist, ein fiktives “Realitydokudrama” (- der Newspeak der Fernsehwelt vermag das so schwer Klassifizierbare so wunderbar unprätentiös zu etikettieren). Antworten auf die großen fünf “W” des Journalismus gibt Geiger vordergründig auch nicht. Doch indem er jeden Schritt zu antizipieren scheint, (er liegt eine Woche ohne laufender Kamera auf der Lauer um in der kommenden Woche das von ihm bereits in seinem Gedächtnis Visualisierte einzufangen) gelingt ihm ein unendlich differenziertes Bild der Abläufe innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens. Zyklische Abläufe werden spürbar. Geiger arbeitet ohne Synchrontonkamera, das heißt, daß die Verifizierung der Kreisbewegungen des von ihm Festgehaltenen sich in die Struktur des Filmes einschreibt. - Auf einen Tag der Tonaufnahme folgt ein Tag der Bildaufnahme, und wunderlicherweise stimmen dann die Bewegungen, die eine Bäuerin beim Kneten des Brotteiges macht, exakt auf die Bilder dieser Tätigkeit, die eine Woche später gesammelt werden. So fügt sich ein Kreis in den nächsten, eine sanfte Spiralbewegung zieht einen immer mehr auf den alles überblickenden Aussichtspunkt hin, bis man das Gefühl bekommt, die Essenz der Strukturen, nach denen das Leben in dieser archaisch anmutenden Gemeinschaft funktioniert, zu verstehen.



Sonntag, 8. April 2001, 12h
Teil 3

ARBEITEN VON MONIKA SCHWITTE
“OBATALA”; 16mm/ohne Ton/3Min./1981
“MAGGI”; 16mm/ohne Ton/2Min./1982
“O.T.”; 16mm/ohne Ton/9 Min./1988
“SELF-FULFILLING PROPHECY”; 16mm/ohne Ton/1,5 Min./1994
“O.T.”; 16mm/ohne Ton/3Min./1999

zu “SELF-FULFILLING PROPHECY”:
Ein Film ohne Anfang und Ende, eingegrenzt nur durch die Konventionen von Titel und Abspann. Unvermittelt überfällt er das Auge und gibt mit dem ersten Schnitt sein hohes Tempo vor. Als ob trotz seiner Stummheit ein präziser Schlagzeugryhthmus seinen Lauf begleiten würde. In den anderthalb Minuten, die die Bilder brauchen, um sich zu zeigen, scheint die Zeit zur Seite gerückt. Die Dichte der Bilder hat ihre eigene Dauer, die zu messen einem nicht in den Sinn kommt. Und dann plötzlich ein Bildfragment, das in der Dunkelheit noch ein wenig nachglüht, bevor man versteht, das es das letzte war. Ein Schluß, der immer wieder entgleitet. Überfordert und rastlos lassen einen die Bilder zurück. Die Empfindungen und Gedanken versuchen, das Gesehene zu wiederholen, zu gliedern , ihm eine Form zu geben, nach einer Bedeutung zu fragen. Vor allem aber wollen die Augen noch einmal hinsehen, weil sie es sind, die sich in dieser Fülle verloren haben und deren Blicke doch die wichtigsten Partner der Bilder sind. Dann steigen erste Blicke in der Erinnerung auf und gewinnen Kontur. Eine Wiese mit Bäumen, Gesichter von Frauen die sich einander zuwenden, ein Sofa, Hände und Gesten. Aber was sich hier schon wie Bruchstücke einer Story liest, ist auf dem Film überlagert, beschnitten und isoliert durch eine freie Choreographie gemalter Flecken, Formen und Strukturen. Die Fragmente gefundenen Materials, die Eingriffe der retouchierenden Hand und der Rhythmus des Schnitts verbinden sich zu einer eigenen Wirklichkeit. Sind es nur unsere Erwartungen an einen Film, die sich an Zeichen klammern und eine Handlung suggerieren? Oder ist es nicht doch so das an einigen Stellen eine wissende Kamera über die Szenen gleitet und der abrupte Wechsel von Schnitt und Gegenschnitt von einem dramatischen Höhepunkt erzählen würde? Es gibt hier keine Entscheidung, die die Dinge hier klar voneinander trennt. Die gleichen Bilder die eine Geschichte andeuten, leugnen sie auch. Jede Erzählung dekonstruiert sich selbst, und zugleich lauern im Gemenge der Bruchstücke die Ansätze zu anderen Szenen.
Je öfter man den Film sieht, desto mehr glaubt man, seine Struktur zu erkennen: Kleines folgt auf großes, Bewegungen verlangsamen und beschleunigen sich, einzelne Farben stoßen hervor und fallen wieder zurück, simultane Vielfalt wird abgelöst durch die Konzentration auf Weniges. Aber jede Analyse trägt nur einige Bilder weit. Was eben noch als Sequenz isolierbar schien, verliert beim erneuten Sehen an Umriß, gleitet hinein in das Folgende, wird Teil von allem. Hier gibt es keine festgelegte Dramaturgie, keinen vorgezeichneten Plan. Film spricht sich wie Technik und Berechnung; der Lauf dieser Bilder folgt anderen Modellen.
So wie die Bilder aus dem Dunkeln als helles flirrendes Licht von der Leinwand reflektiert werden, kann nur ein Film sie hervorbringen. So wie sie hier erscheinen wird die Frage nach dem Medium jedoch unwichtig; sie tritt in den Hintergrund, weil die Bilder dessen Grenzen überschreiten, weil es bei einem Kunstwerk nicht um Handwerk, Regel oder Theorie, sondern um den angemessenen Gebrauch des Materials geht.
Erst wenn man so jenseits der Gewohnheiten alle Bilder in der gleichen Weise, mit der gleichen, gelassenen Aufmerksamkeit zu sehen beginnt, wenn sich im Kern des unablässig schnellen Rhythmus eine widersprüchliche Ruhe bildet, zeigt dieses Stück Film seine Besonderheit. Es ist, als ob man ein Detail betrachtet. Der Ausschnitt ist komplex genug, das Interesse zu wecken und zu halten, und doch scheint alles über diesen Rahmen hinaus zu streben. Dort vermutet man den Zusammenhang, der diesem Fragment seinen Ort gibt. Zugleich scheint das Detail aber auch für das Ganze einstehen zu können, seinen Sinn in sich selbst zu tragen. Man kann an die Malerei denken, wo schon in den unendlich vielen und nie zu entschlüsselnden Signalen der Pinselstriche und Farben eines kleinen Ausschnitts die Bedeutung und die Unbegreiflichkeit des ganzen Bildes liegt. Eines Bildes, von dem man weiß, daß es selbst nur Teil des überhaupt Möglichen ist. Der Film baut in all seiner Überfülle und Zerstreuung eine paradoxe Konzentration auf. Er packt eine Vielzahl widersprüchlicher Elemente in den knappen Raum seiner Bilder. In seine kurze Dauer scheint eine Enzyklopädie zwischen Bild, Blick und Gedanken eingestellt. Jede Beschreibung dieser Gedanken ist nur in Gegensätzen möglich: Wo Handlung durchscheint, wird sie vom reinen Bild in Frage gestellt; wo sich erkennbare Strukturen andeuten, lösen sie sich auf in bloßer Addition; wo man reale Dinge wiedererkennt, gleiten sie fort ins Ungegenständliche; wo Fiktion sich ausbreitet, wird sie aufgefangen in schierer Materialität; wo Bewegung ist, antwortet Stillstand; wo Zeit vergeht, bildet sich unausgesetzte Gegenwart....
Die Konzentration zielt nicht auf etwas Einzelnes, Geschlossenes, sondern auf die Offenheit, auf die Unbeschränktheit der Möglichkeiten. Das geschieht nicht um, sich dort zu verlieren, sondern um den Anforderung der realen Komplexität gerecht zu werden. Nur dadurch, daß die Beschreibung der Welt sich selbst reflektiert, kann sie eine wirkliche Vorstellung von sich selbst haben und geben. Im flirrenden Licht, das von der Leinwand in unsere Augen zurückgeworfen wird, in diesen nie einzuholenden Bildern jedoch entsteht für den kurzen Moment des Films ein Ort, an dem die Unendlichkeit des Sichtbaren und die Zweifel an seiner Bedeutung eine Form gefunden haben, das heißt ihren Schrecken verlieren und als Frage erhalten bleiben. (Julian Heynen)

k/hausprogram

k/hauspress

k/hausinformation

k/hausfriends

k/hausfreunde

k/hausassociation

k/hauscinema

program

- artcinema

information


deutsch


k/hauscinema
akademiestraße 13
a1010 vienna

fon +43.1.587.96.63.50
fax +43.1.505.98.22

ticket booking
fon +43.1.505.43.28

email