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lorenza eppacher
männerportraits, tuschezeichnungen

winfrid klein
stellschirme, objektcollagen

eröffnung: 28.11.2008, 19 uhr
29 11. - 08. 12. 2008

 


Lorenza Eppacher: Männerportrait, 2008,
Tuschezeichnung, 100 x 145 cm
© Lorenza Eppacher



Winfrid Klein: O. T., 2007, drei Schaukästen
© Winfrid Klein

LUI VII*

Eröffnung: 28. 11. 2008, 19 Uhr
, Ranftlzimmer
Peter Bogner, Direktor des Künstlerhauses, spricht zur Entstehung der Gründer- und Stifterporträts des Ranftlzimmers

Finissage: 07. 12. 2008, 16 - 19 Uhr





*LUI Lorenzas Unsubventionierte Initiative (Lorenza Eppacher, Winfrid Klein, Günther Rupp, Oskar Aichinger, Peter Bogner, Michaela Pappernigg, August Staudenmayer und andere)

Lorenza Eppacher - Mit dem Blick bannen

In den im Künstlerhaus präsentierten Arbeiten lotet die Künstlerin das weite Feld der Möglichkeiten dessen, was Blicke vermögen, aus: die ausschließlichen Männerdarstellungen sind Surrogate unterschiedlichster Eindrücke und Erinnerungen. Deformiert sind die "Portraitierten" bis zu einem gewissen Grad alle; und genau das eint sie wahrscheinlich: der besondere Fokus auf bestimmte Züge reicht aus, um sie verzerrt, gleichsam übermäßig durch jeweils dominante Charakterseiten geprägt erscheinen zu lassen. Ein sehr häufig eingesetztes Stilmittel der Künstlerin ist es, ihren "Protagonisten" keine wirklich eindeutige Blickrichtung zu gönnen, sie scheinen der Fähigkeit eines klaren Blicks, wohl auch auf ein potenzielles Gegenüber, beraubt. Gesteigert wird dieser Effekt noch durch das große Format der meist monochrom gehaltenen Arbeiten. Der Pinselduktus, die Strichbeherrschung eines Tusche-Bildes im Maß von etwa 150 x 100 cm bannt umso konzentrierter das Sujet auf einen ganz spezifischen, jedes Detail offen legenden Moment. In der Kompilation verschiedener Eigenschaften durch die Künstlerin steckt naturgemäß auch der Drang nach einer Befreiung durch deren konkrete Benennung. Das Bannen des Blicks eines Gegenübers meint immer auch die Kunst, sich von der eventuellen Bedeutung, die dessen Blick haben könnte, frei zu spielen. Bannen hat mit Kraft, mit der Kapazität, Einfluss auszuüben, zu tun - und sei es, mit der Fähigkeit, sich der Macht eines anderen zu entziehen.Dass sämtliche der für so viele andere stellvertretenden Männer hier gänzlich ohne Haupthaar dargestellt sind, ist bei einer Künstlerin, die mit Haar und dessen Konnotationen ganze Ausstellungen gestaltete, wohl nicht nur als Zufall zu bewerten.
Michaela Pappernigg, Oktober 2008



Der rosarote Galgen aus dem All (über die Bilderwelten des Fridl Klein)

Es gibt die Frauen. Oft nackt. Es gibt den Gekreuzigten. Hundertdreißigfach. Es gibt die Augen. Das Auge in der Hand ist besser als die Lippen auf dem Pferdekopf. Es gibt den grantigen Österreicher, ein Hündchen im Arm. Neben ihm mit devotem Blick seine billige asiatische Frau. Es gibt den Helmut Qualtinger, der als Herr Karl unter zehn russischen Babuschkas steht, die alle ihre Lippen zum Blasen schürzen, weil sie in Wirklichkeit aufblasbare Sexpuppen sind. Es gibt jede Menge Hinweise auf das Abendland. Das Abendland und seine tief eingeprägte Symbolik hat der meisterhafte Collageur Fridl Klein in unzählige Einzelteile zerlegt, um damit Paravents in verschiedenen Größen – er nennt sie hart und deutsch „Stellschirme“ – zu schmücken. Nein, schmücken ist nicht das richtige Wort, es müsste verzieren heißen. Nein, auch das trifft es nicht ganz, es müsste bebildern heißen. Schmuck oder Zier würde evozieren, dass es sich um bloße Verhübschung handelt, und das tut es ganz und gar nicht. Bleiben wir bei Bebildern.
Fridl Klein, ein Künstler, der noch lustvoll spielen kann, hat mich zu Tee und Kuchen geladen. Während ich wartete, bis der edle Bergkräuteraufguss auf Trinktemperatur abkühlte, sah ich mich um und tauchte in die Schichten seines Wohn-, Lebens-, Schaffensraumes ein. Binnen weniger Sekunden wähnte ich mich auf zwanzig verschiedenen Orten der Welt zugleich. Das ist eine Spezialität von Fridl Klein: Er vermag die Welt, wie er sie wahrnimmt, zu zerschnipseln und sie so wieder zusammen zu setzen, dass man als Betrachter meint, mit vielen verschiedenen Orten aber auch Arten von Welt gleichzeitig zu korrespondieren. Er schafft ein sagenhaftes Kaleidoskop mit einem schier unerschöpflichen Reservoir an Bildfügungen und Bildvorführungen.Im Hintergrund läuft eine klassische Musiksendung in angenehmer Lautstärke. Ich nippe vorsichtig vom Tee. Er ist noch zu heiß.Die Atmosphäre seiner Wohnung ist nur bei oberflächlicher Betrachtung von saftig-üpppiger Gediegenheit. Saftig-üppig ist schon Ordnung. Aber die Gediegenheit ist schnell verschwunden, sobald man ein Auge unter die Oberfläche dieses Kunstwerkeparcours auf engstem Raum riskiert. Wie nebenbei sagt er in ein paar Takte Pause aus den Radio hinein: „Ich male nicht, ich mache Bilder.“
Eine Art seiner Weltwahrnehmung stellt das Wandern dar. Er wanderte zwei Wochen durch die Südtiroler Bergwelt und brachte seine Eindrücke in Form von hundertdreißig Fotos von Bildstöcken mit dem Gekreuzigten mit. Nun steht jener damit drapierte Fotostellschirm einen Meter neben mir und ich glaube tatsächlich kurz, auf der Südtiroler Bergstrecke unterwegs zu sein. Zuerst fürchtete ich, vom Schmerz und Leid so vieler Gekreuzigter erdrückt zu werden. Aber das Gegenteil war der Fall. Fridl Klein nimmt jeden einzelnen Gekreuzigten ernst, indem er über ihn – herzlich – lacht. Er drapiert sie in der Masse und bringt Bewegung in das schwere Los Christi, hundertdreißigfach; es sieht aus, als würde eine riesige Turnmannschaft eine Massenschau am Reck vorführen. Der Gekreuzigte mutiert zu einem Turner, der nicht am Kreuz leidet, sondern an einem harmlosen Turngerät sein Körpergefühl auskostet. Eine schönere Kritik am Jahrtausende alten Schuld- und Schmerzkomplex des Kreuzes kann es nicht geben. Ich nippe an meinem Bergkräutertee. Nun hat er angenehme Trinktemperatur erreicht. Fridl Klein hat mir eine große Kanne zubereitet. Dieser Tee gehört zu jenen, die man auch lauwarm oder kalt trinken kann. Ich kann mir also Zeit lassen. Eine ungemein wohltuende Tatsache. In allem, was die Natur hervorbringt, geht mir durch den Kopf, steckt der Versuch, das ideale Lebenssystem zu schaffen. In Fridl Kleins Collagen, Installationen und auf seinen Stellwänden ist die Natur eine liebevolle Göttin, eine spendende Sonne, eine Inspizientin der Achtsamkeit. Sie ist nicht, wie unser westliches Gesellschaftssystem es gerne sähe, zur quantitativen Leistung verdammt.
Es gibt den Hitler, fünffach geklont, wie er zwei Südseeräuber vergeblich zur Ordnung ruft. Sie pfeifen ihm mit ihren Säbeln etwas.Es gibt Gruppensex im Kasperltheater.Es gibt eine locker gekreuzigte Maryline Monroe, eine Zigarette zwischen ihren übertrieben geschminkten Lippen.Es gibt immer noch Kolonialgelüste der ersten, der „besseren“ Welt. Doch die südliche Hemisphäre wartet nicht mehr auf ihre Befehle. Es gibt ein bildhübsches Model, das sich erhängen will. Dieser Ausschnitt eines Stellschirmes ist eine derart spannende Metapher, er verdient, genauer betrachtet zu werden: Auf der Miniaturausgabe eines Planeten steht ein Stuhl. Auf dem Stuhl steht eine wunderschöne Frau, die nach oben blickt. Sie will sich erhängen. Aus dem All, gleichsam aus dem Nichts, hängt ein Galgenstrick herunter. Unter ihr, eine Etage tiefer, eine weitere Miniaturausgabe eines Planeten. Auf diesem Planeten steht ein nackter Mann. Er schüttet oben Bier in sich hinein und hält sich unten zu, um nicht auszufließen. Er will sich zu Tode saufen. Zusammen verkörpern die beiden die Trostlosigkeit nach dem Sündenfall. Sie sind Adam und Eva, Männchen und Weibchen; sie haben nicht gesündigt, sondern einander beschnuppert, geleckt und gerammelt, und wissen nun nicht – „freigesetzt“ und absolut orientierungslos –, was mit ihnen geschieht. Der Galgenstrick, mit dem sich das Model erhängen will, ist rosarot.

August Staudenmayer, Schriftsteller Wien, Oktober 2008