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symposion
collage, found footage und sampling in der postmedialen situation
11. 11. 2006, ab 11:00 uhr
 










Eop (Emergence of Projects – Verein zur Förderung von interdisziplinären Projekten in Kunst und Wissenschaft) in Zusammenarbeit mit Universität für angewandte Kunst Wien und Künstlerhaus Wien im Kontext der Gruppenausstellung „ex sampling“ im Künstlerhaus Wien


Programm

11.00 Uhr - Begrü
ßung: Dr. Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst

11.30 - 12.30 Uhr: Ruth Horak -Das angeeignete Bild in der Kunst: ein Kind der Massenmedien
Sei es die traditionelle Fotocollage, die gedruckte Reproduktion oder andere Formen von Imitation oder Interpretation bereits vorhandener Bilder – eines haben die meisten der angeeigneten Bilder gemeinsam: sie entspringen den Massenmedien, die sich anmaßen, unsere Realität durch ihr Bild der Realität zu ersetzen. Das Interesse des Künstlers, selbst Bilder zu machen, trifft auf sein Interesse am visuellen Output der Massenmedien. Oder, wie Boris Groys sagt: „Warum sollen wir eine neue Ästhetik erfinden, wenn wir schon eine haben?“
Ruth Horak, *1972, Mag. art., Kunsthistorikerin Seit 1997 Ausstellungen, Publikationen und Lehraufträge mit Schwerpunkt zeitgenössische Kunst und Fotografie.

12.30 - 13.30 Uhr: Gabriele Jutz - Recycled images. Collage, Appropriation und Détournement im Kontext filmkünstlerischer Praktiken
Found Footage ist eine künstlerische Praxis, welche die rein reproduktive Funktionsweise von Film suspendiert. Durch die Neuorganisation und Bearbeitung von vorgefundenem Material werden Verfahren der Collage, der Appropriation und des Détournement unter dem Zeichen der Wiederholung zur Diskussion gestellt werden. Als vermutlich wichtigste Tendenz im neoavantgardistischen Filmschaffen seit den 1980er Jahren versammelt der Found Footage-Film unterschiedliche Ansätze, die von der puren Selbstreflexion des Mediums bis hin zur Revalidierung des ursprünglich kritischen Potentials der Collage reichen. Jenen unterschiedlichen Bedeutungspisten zu folgen, die sich hierbei öffnen, zählt zu den provokantesten Verlockungen der aktuellen Filmavantgarde.
Gabriele Jutz, *1959, Mag. Dr. phil., Film- und Medienwissenschaftlerin Mitarbeit bei internationalen Forschungskooperationen. Gastprofessorin für Filmwissenschaft an der FU Berlin. Seit 1993 Lehrtätigkeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien mit dem Schwerpunkt Filmtheorie und Medienkunst.

13.30 - 14.00 Uhr: Pause

14.00 - 15.00 Uhr: Thomas Mießgang: Samplicity Digitale Reproduktion als Joker in zeitgenössischer Musik und Kunst
Das Zitat als traditionelle kulturelle Appropriationsstrategie gewinnt durch Sampling eine neue Qualität. Der digitale Ausriß wandert gewissermaßen als zerstückeltes Original in einen neuen ästhetischen Kontext und bricht damit historische Kontinuitäten auf. Zwanzig Jahre nachdem unter dem Kampfbegriff „Anything goes“ hybride Produktionstechniken und stilistische Multiplizitäten als Erben der Moderne gesetzt wurden, ist das Sample, sowohl im akustischen wie auch im visuellen Feld, immer noch ein irritierendes Objekt, das geschlossene ästhetische Milieus aufsprengen kann und zeitgenössische Artefakte mit den Parfüms vergangener kultureller und sozialer Erregungsdispositive bestäubt. Das Sample birgt jenes Paradox, dass es gerade in seinem entmaterialisierten und dekontextualisierten Auftritt vom Körper und von der Sehnsucht spricht und in dieser unauflösbaren Dialektik die Unzulänglichkeit des Allzumenschlichen direkt adressiert.
Thomas Mießgang, *1955, Dr. phil. Journalistische Tätigkeit bei Falter, Profil, Die Zeit, ORF (Musicbox, Diagonal, Spielräume); von 1994-1997 Berater der Wiener Kulturstadträtin Dr. Ursula Pasterk; seit 2000 Kurator in der Kunsthalle Wien.

15.00 - 16.00 Uhr: Jorge Sánchez-Chiong: Zapping Culture
Von auskomponierten instrumentalen Collagen und Musique Concrète bis hin zu sampling-culture, post-digital-aesthetics und turntablism: Das Phänomen der Aneignung in der E- und Experimentellen Musik. Ihre ästhetischen Auswirkungen und die Verschiebung der Autorschaft und des Werkbegriffs. Mit Musikbeispielen aus den letzten 75 Jahren.
Jorge Sánchez-Chiong, *1969, Mag. art., Komponist, Noise-DJ und Turntable-Künstler Kompositionsstudium bei F. Burt und M. Jarrell. Zahlreiche Auftragskompositionen für Ensembles, Festivals und Orchester für Neue Musik. Arbeiten in der Noise- und Improvisationsszene (als JSX), sowie im Bereich des experimentellen Theaters, Tanz und Videokunst. Texte für Kunstmagazine und das „New Grove Dictionary of Women Composers“.

16.00 - 16.30 Uhr: Pause

16.30 Uhr: Karlheinz Essl: Leimung. sound/video/performance
Akustische und visuelle objets trouvés werden im Zuge einer Live-Performance in ekstatische Klang- und Bilderfluten transformiert, wobei die semantischen Widersprüche und Gegensätze sich rauschhaft aufzulösen beginnen.
Karlheinz Essl, *1960, Dr. phil., , Komponist, Klangkünstler, Elektronik-Performer Studierte Musikwissenschaften und Kunstgeschichte sowie Komposition bei Friedrich Cerha. 1989 Promotion mit einer Dissertation über Anton Webern. Kooperationen mit Künstlern wie Andreas Okopenko, Harald Naegeli, Hermann Nitsch und Fabrizio Plessi. Musikintendant der Sammlung Essl in Klosterneuburg.

Moderation: Elke Krasny, *1965, Mag. phil., Kulturtheoretikerin, Autorin und Ausstellungskuratorin Lehrt an der Akademie der bildenden Künste Wien; Gastdozentur der Ernst-Georg-Heinemann-Stiftung „Wege in die Stadt“ an der Universität Bremen 2006; „Warum ist das Licht so schnell hell?“ erhielt den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2006.

 

Durch Techniken wie Collage, Found Footage und Sampling werden auf der Basis von Vorhandenem neue Artefakte geschaffen. Dieser Akt der Aneignung stellt tradierte Kategorien der Kunst wie Autorschaft, Originalität, geistiges Eigentum und Signatur in Frage.

In historischer Sicht repräsentiert die Collage mehr als nur ein neuartiges technisches Verfahren. Der radikale Zugriff der Kubisten auf die Collage um 1912 hat zu einem grundsätzlichen Wandel des Bildverständnisses geführt. Die Integration von Realitätsfragmenten unterminiert die organische Einheit der Kunst, wodurch Alltagsleben und Populärkultur Eingang in jenen zuvor elitär abgeschotteten Bereich der sogenannten schönen Künste finden.

Im Fall von Fotografie und Film sind die „wirkliche Welt“ die Massenmedien mit ihrem schier unendlichen Angebot an Bildern. Zwei Strategien finden sich im Umgang mit vorhandenem Material häufig kombiniert: Dieses wird dekontextualisiert und zugleich einem Bearbeitungprozeß unterzogen. Neben digitalen Verfahren der Bildbearbeitung läßt sich in aktuellen Praktiken eine Tendenz zum Handwerklichen konstatieren. Manuelle Techniken wie Bemalen, Bedrucken, Ätzen, Stanzen, Flechten usf. werden in die industriell genormten Medien Film und Fotografie eingebracht.

Das auditive Äquivalent zur Collage ist das Sampling, wobei die neuen Medien zum Einsatz kommen. Sampling kann somit als Weiterentwicklung der Collage im Digitalen verstanden werden. Die Idee des Sampelns als künstlerische Aneignung von Vorgefundenem läßt sich jedoch bereits bei den Dadaisten und Futuristen ausmachen. Das eigentlich Neue ist also nicht das Verfahren, sondern das Equipement – der Computer, die digitale Verfügbarkeit.

Anhand von konkreten Beispielen soll der Frage nachgegangen werden, ob und inwiefern die einst repräsentations- und gesellschaftskritische Dimension der Collage in der gegenwärtigen Medienkonstellation überhaupt noch Relevanz besitzt. Damit verknüpft ist die Frage nach der Verortung von künstlerischen Praktiken in der „postmedialen Situation“ (Rosalind Krauss), in welcher Ästhetik und Kapital alle Aspekte der Kultur durchdrungen haben.