< Stille. Veranstaltung am 4. April 2000 im Wiener Künstlerhaus




Theo Steiner

Do the right thing? (Zweite Folge1)
Einige Notizen zu Syntax, Semantik und Pragmatik künstlerischer Widerstandsarbeit

Was ist zu tun? Die Verpflichtung, das Richtige zu tun, ist natürlich grundsätzlich evident. Am 23. März hat uns Patricia Bickers, die Chefredakteurin der Londoner Zeitschrift ART MONTHLY, auf den TransAct-Aufruf geantwortet und in ihrer E-mail hat sie eine Stelle des Kunsttheoretikers Edmund Burke zitiert, die diese Frage nach dem richtigen Handeln in einer eleganten Formulierung auf den Punkt bringt: "It is necessary for the good man to do nothing for evil to triumph." Es ist unerläßlich, daß der gute Mann nichts tut, was das Böse triumphieren läßt. Dieser moralische - und im Grunde tautologische - Aphorismus stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts, was Burkes Einschränkung auf das männliche Geschlecht bedingt. Uns geht es hier und heute natürlich darum, in einem allgemeinen Sinn und von seiten der Kunst das Richtige herauszufinden, das das Böse vom Pfad des Erfolgs abbringen kann. In meinem Vortrag ging ich dieser Frage einleitend anhand des Beispiels eines französischen Comics Books von Siro und Didier Convard nach (dieser Teil wird hier auf der Homepage gekürzt und ohne Abbildungen wiedergegeben).

DemoKratie
"Ich grüsse Frankreich! Das saubere und starke Frankreich! Das Frankreich des Fortschritts!" Eine der Hauptfiguren ist ein Politiker, der sich mit diesen Worten seinem Wahlvolk präsentiert. Wenn wir diese Stelle heute aufschlagen, könnten wir seine Äußerung für einen Reflex auf die akute österreichische Situation halten: Verliest hier etwa ein österreichischer Gutpolitiker eine Grußadresse an die französische Regierung, weil er mit ihrem Engagement in Sachen Österreichsanktionen sympathisiert? Tatsächlich handelt es sich bei dem Redner aber um Monsieur Kovine, den Spitzenkandidaten einer Partei namens Demo-K. Wir schreiben das Jahr 2038 und Frankreich wird gerade von einer Staatskrise erschüttert. "Der Organhandelskandal und die so genannten Selbstmorde vom Gesundheits- und Premierminister hatten zum Sturz der Regierung geführt. Der Präsident mußte abdanken."

Kovine ist gewissermaßen das Pendant zu jener Art von Weichspülerpolitikern, die auch hierzulande gute Umfrage- und Wahlergebnisse erzielen. Die Wahlslogans "Wählt sauber! Wählt stark! Wählt grandios!" sind von einer vergleichbar großspurigen Banalität und Hohlheit, was die Wählerinnen und Wähler nicht von ihrem Zuspruch abhält ("Dieser Typ wird den Saustall ruckzuck säubern!"). Siro und Convard, die diese Geschichte 1994 in Form eines Comics publiziert haben (ich zitiere die deutsche Übersetzung von 1996), machen jedenfalls relativ schnell und eindeutig klar, daß Kovine und seine Partei das Böse repräsentieren. Der Senatspräsident leitet nach dem Sturz der Regierung interimistisch die Staatsgeschäfte. Es gibt allerdings im laufenden Wahlkampf sehr einflußreiche und mächtige Kräfte, die das Wort Staatsgeschäfte in einem wörtlichen Sinn verstanden wissen wollen: "Staaten müssen wie Unternehmen geführt werden, kontrolliert von starken Konsortien! Das Geschäft [...] hat sämtliche Ideologien weggefegt! Bald wird mit Geldscheinen gewählt". Diese Ansicht vertritt ein Mann namens Nozek Haslert, der im Roman folgendermaßen vorgestellt wird: "Der Chef des mächtigsten Agrokonzerns Europas" und "Der schlimmste Kriminelle, den die Organisation Die Krake je erzeugt hat! Endlich wissen wir, wer Demo-K finanziert!"

Der Senatspräsident Nolan Gerbert repräsentiert in diesem Roman den verbleibenden Rest an staatlichem Widerstand gegen diese drohende Diktatur des Kapitals. Gerbert ist es, der zur Rettung der Nation einen suspendierten und untergetauchten Ex-Polizisten reaktivieren läßt: der Underdog als undercover agent. Die Auflösung des Falls, den man Inspektor Polsky übertragen hat, deutet sich schließlich in einer Bemerkung des Industriemafioso Nozek Haslert an, des Financiers der Partei Demo-K: "Weil aber die Menschen noch ein paar Träume brauchen, produzieren wir diese für sie nach Mass!" Im Fall des Monsieur Kovine ist diese mediengerechte Produktion jedoch in einem ganz speziellen Sinn wörtlich zu nehmen: Nach einer Reihe von Abenteuern gelingt es Inspektor Polsky nämlich, während der großen, entscheidenden Wahlkampfveranstaltung das Geheimnis des Politikers Kovine zu lüften. Der ehemalige populäre Fernsehmoderator wurde bei seinen öffentlichen Auftritten nämlich in Form einer Cyborg-unterstützten Computersimulation holographisch projiziert. Diese Maßnahme sollte die absolute Kontrolle seines aalglatten Auftretens gewährleisten. Polsky und sein Team dringen in die geheime Kommandozentrale ein, halten Kovine in Schach und Inspektor Polsky beginnt, für Kovine, dessen körperliches Abbild noch immer in die Wahlkampfarena übertragen wird, die Rede mit einem improvisierten Text fortzusetzen: "Für die Erhaltung einer echten Domkratie muss ich mich zurückziehen. Ich war nur ein Gespenst ... ein Phantom für ein Regime, das auf Illusionen gebaut wäre ... eine lächerliche Marionette" und Polsky als Kovine schließt mit den Worten "Ich habe nie existiert". Angesichts einer solchen annähernd gewaltfreien und jedenfalls sehr theatralischen Annihilierung eines politisch erfolgreichen Schaustellers dürften so manche Widerstandskämpferinnen und -kämpfer in Österreich neidvoll seufzen.

Polsky, der gute Retter der Nation, kann am Ende befriedigt feststellen "Wir haben gerade den ersten virtuellen Präsidentschaftskandidaten der Republik ermordet", doch wie seine Kampfgefährtin, die Journalistin Venezzia treffend bemerkt: "Wer sagt uns, dass er der Erste und Einzige war?". Der Kampf ist damit noch nicht zu Ende - im Roman nicht, weil das gegen das Prinzip der Serie verstossen würde; doch, wie wir wissen, bedauerlicherweise auch in unserer tatsächlichen Lebenswelt nicht.

Ich habe diese Comics-Geschichte als Aufhänger gewählt, weil sich daran zentrale Fragen der politischen Widerstandsarbeit, speziell auch der künstlerischen Resistance zeigen. Dem Genre entsprechend finden sich diese Aspekte im Comics Book natürlich in einer überzeichneten Form, als Schwarz-Weiß-Metaphysik des Actionkinos, wo Gut und Böse klar voneinander zu trennen sind. Es dürfte übrigens ganz interessant sein, gelegentlich auch einmal die künstlerischen widerständigen Projekte darauf hin zu untersuchen: so gibt es diejenigen, die davon ausgehen, dass Gut und Böse eindeutig und klar voneinander zu unterscheiden sind, Wertdogmatiker sozusagen, während andere Positionen gewissermaßen von fließenden Zuordnungen ausgehen, das heißt es nicht von vornherein so genau wissen wollen oder können, was gut und was böse ist.

Wenn wir jedenfalls über die Moral des Romans "Demo-K" sprechen, so können wir zwischen zwei Perspektiven wählen: da ist einerseits diejenige der Verfasser dieses moralisierenden Comics, und andererseits die Perspektive der handelnden Personen seines Romans. Bleiben wir zunächst noch auf der fiktiven Ebene. Auf Grund der dramaturgischen Erfordernisse agieren Polsky und seine Helfer (die Underdogs aus dem Zirkus der Zone und der väterliche, rauhbeinige Vorgesetzte) unter Gefahr (sie schleichen sich heimlich ein, um Informationen zu erhalten; sie werden von den Killern der Organisation verfolgt; und sie lösen schließlich den Fall, nicht ganz ohne den Einsatz von Gewalt (Kinnhaken räumen Leibwächter aus dem Weg und eine Dienstpistole hält den schauspielernden Cyborg, den realen Kovine in Schach, während Polsky seine demaskierende Rede improvisiert).

Neben der Wahl der Mittel interessiert uns selbstverständlich auch die Frage der Gratifikation der Protagonisten (sie wird uns weiter führen zu einer ersten Beurteilung der Strategien der Autoren dieses Comicsbuchs): Was haben die Romanhelden davon, dass sie sich auf diese oder jene Weise gegen die Machtübernahme des Neoliberalismus im politischen Bereich engagieren? Der Senatspräsident Gerbert wird in dem Roman betont altmodisch gezeichnet und sein Berater beschreibt das, wofür er kämpft, kokett als "Uralte Werte einer demokratischen Mumie". Damit wird suggeriert, daß die Tradition der Demokratie in den gewählten Volksvertretern Bollwerke gegen die neoliberale Hegemonie von Marktinteressen bereitstelle. Auf einer Metaebene ließe sich folglich an Siros Roman kritisieren, daß er ein romantisierendes und heute wenig zutreffendes Bild von parteipolitischen Akteuren zeichnet. Und wie steht es mit seinem Hauptprotagonisten Polsky? Abgesehen von der hollywoodtauglichen Heroisierung des männlichen Einzelkämpfers braucht auch er Motivation, Gratifikation und Mittel zur Durchsetzung seiner Ziele: als der Senatspräsident Polsky anwirbt, garantiert er ihm die Abdeckung seiner Spesen und als Lohn soll der Rehabilitierte nach getaner Arbeit wieder Ausweispapiere erhalten, also in die bürgerliche Existenz zurückkehren dürfen.

Zusammenfassend läßt sich sagen: Convard und Siro suchen offenkundig ihr Heil in der Aufrechterhaltung einer staatlichen Ordnung, da ihnen die neoliberale Herrschaft und ihre entsprechenden medientauglichen Machinationen als Ausnahmezustand gelten. In unserer Wirklichkeit dagegen ist die ungenierte Herrschaft der Marktinteressen der Normalfall und nicht die Ausnahme. Und das ökonomische Kapital hat es anders als in diesem Roman gar nicht nötig, sich eigens Medienmarionetten zu produzieren, die auf der staatlichen Ebene die entsprechenden Entscheidungen treffen und die Shareholder-konformen Gesetze erlassen, denn die demokratisch gewählten Volksvertreter erweisen sich ohnehin meist als willige Erfüllungsgehilfen marktkonformer Staatslenkung. Wenn Convard und Siro uns aber immerhin zu solchen Überlegungen verleiten, dann ist ihre Strategie als Autoren eines Comics mit politischem Inhalt vielleicht doch nicht ganz so naiv wie die narrative Struktur befürchten läßt. Damit komme ich endgültig zu der Frage nach den Möglichkeiten und Strategien gerade auch für eine künstlerische Widerstandspraxis hier in unserer realen Lebenswelt.

Still Life
Stille - und damit möchte ich das Motto des ersten Abends und der Veranstaltungsreihe hier im Künstlerhaus aufgreifen -, Stille verstehe ich in diesem Kontext als Provokation: das Wort verweist in seinen Grundbedeutungen erstens auf Bewegungslosigkeit, Unbewegtheit und Ruhe im psychischen wie im physischen Bereich, zweitens auf Lautlosigkeit, Leisesein und Schweigen und drittens auf Zurückgezogenheit, Verborgenheit und Heimlichkeit. In all diesen Aspekten bezieht sich das Wort auf Eigenschaften, die in der augenblicklichen Lage höchst unangebracht erscheinen. Doch das gilt nicht erst jetzt: Kunst der vergangenen Jahrzehnte war sehr häufig um politische oder soziale Relevanz bemüht - als Projektarbeit genauso wie in scheinbar traditionelleren Formen der künstlerischen Praxis (etwa als Bildproduktion). Das Wort Stille und seine dazugehörigen semantischen Nachbarn beschreiben deshalb das genaue Gegenteil dessen, was eine wesentliche Tendenz der jüngeren Kunstgeschichte ausmacht: eine Abwendung von überzogenen Ansprüchen der Sorgfalt, der Handwerklichkeit oder der Kontemplation. In diesem Zusammenhang möchte ich eine Bemerkung von Stella Rollig aufgreifen. Das Zitat stammt aus ihrem Text "Das wahre Leben", der 1998 in dem Sammelband "Die Kunst des Öffentlichen" abgedruckt wurde:

"Dabei haben inhaltliche Arbeit, Kritik und das Herstellen von Öffentlichkeit für unterdrückte Fakten und verwischte Zusammenhänge nichts an Notwendigkeit eingebüßt - das gilt für den Kunstbetrieb in gleicher Weise wie für das 'reale Leben'."2

Und in diesem Sinn lese ich das Motto "Stille" auch als Schlachtruf gegen jene Tendenzen, die unser Leben klammheimlich zu einem Stillleben zu transformieren drohen. (Der Begriff Stillleben dient seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts als Bezeichnung für die malerische Darstellung von still liegenden, leblosen Sachen. Von dieser ursprünglichen Bedeutung wurde der Begriff metaphorisch angewendet für ein idyllisch zurückgezogenes Leben, das häuslich, beschaulich oder - religiös gewendet - kontemplativ ausgerichtet ist.) Protest kommt in zwei Modalitäten vor, in zwei scheinbar diametral entgegengesetzten Formen: still oder lauthals, schweigend oder wortreich. Die zweite Variante ist die häufigste Form der Manifestation von Kritik an der momentanen Regierung. Die Diskussion um Werte und um Worte wurde in den paar Wochen seit dem 4. Februar 2000, dem "Tag des Tunnels", in einem für Österreich überraschenden Ausmaß verstärkt. Und schon gibt es da und dort kritische Stimmen, die einen gewissen Überdruß an dieser Auseinandersetzung artikulieren. Ist womöglich "eh schon alles" gesagt und läßt sich womöglich "eh nichts" ändern durch verbale Kritik? Solchen Unkenrufen läßt sich vielleicht ein Satz von Karl Valentin entgegenhalten, den ich kürzlich aufgeschnappt habe: "Es ist schon alles gesagt, aber noch nicht von allen."

In der österreichischen Kunstszene gab und gibt es in letzter Zeit auch immer wieder Vorschläge zu einer Stilllegung, zu einem Kulturstreik - nicht aus einem Überdruß heraus, sondern durchaus im Sinn einer starken Protestnote: in der Generali Foundation überlegten die an der Ausstellung "Dinge, die wir nicht verstehen" beteiligten Personen, das Projekt unter Protest vorzeitig zu schließen. Bei dem Aktionstag der Akademie am Schillerplatz dachte Adi Rosenblum am Podium laut darüber nach, ob nicht alle möglichen kulturellen Institutionen in einer konzertierten Aktion ihr Angebot landesweit für einen Tag aussetzen sollten. Die Zeitschrift Camera Austria druckte nach einer Idee des Künstlers Jörg Schlick bei ihrer vorigen Ausgabe sämtliche Seiten monochrom schwarz.

Schweigen, Streik und Stilllegung sind in den genannten Fällen niemals als alleinige Methoden aufgefaßt worden. Und ganz sicher war auch kein vorauseilend gehorsames Maulhalten damit gemeint. Solche "Aussetzer" machen nur Sinn als Unterbrechungen des laufenden Programms. So wie Pausen in einer Rede Platz lassen zum Luftholen, zum Nachdenken oder zur Steigerung der Spannung. Doch ein Streik ist keine Pause, er ist sogar mehr als ein beredtes Schweigen: nämlich die Androhung der Streikenden, ihre Arbeit so lange nicht wieder aufzunehmen, bis ihre Forderungen erfüllt sind. In diesem Sinn wäre eine Streikdrohung auch ein Test, der aufweist, welcher Wert einer kulturellen Arbeitsniederlegung - und das heisst welcher Wert der kulturellen Arbeit selbst - beigemessen wird. Ein solcher echter Streik ist bis dato nicht zustande gekommen, weil seine potentiellen Protagonisten wahrscheinlich zu Recht befürchten, dass der Test zu ihren Ungunsten ausfallen würde.

Der Streik der Bettler
Aminata Sow Falls Roman "Der Streik der Bettler" ("La Grève des Bàttu ou les déchets humains", 1979) schildert, wie die mittellosen Personen der senegalesischen Hauptstadt gegen die Schikanen der Obrigkeit und die "Säuberung" der Innenstadt von den Behinderten protestieren. Erst als sämtliche Bettler sich am Stadtrand zurückziehen und sich nicht mehr aktiv um Almosen bemühen, erkennen die übrigen Bewohner, dass sie auf die Arbeit der Bettler angewiesen sind. Die religiösen und sozialen Regeln sehen nämlich vor, dass die Almosenempfänger sich mit Gebeten und Glückwünschen für die Gebenden revanchieren. Die Streikdrohungen der verschiedenen österreichischen Kulturschaffenden könnten in diesem Sinn unter Umständen zeigen, dass es auf Grund der aktuellen kulturpolitischen Entwicklungen in Zukunft nichts geben dürfte, worauf wir gespannt warten dürfen. Ich erinnere an die Aussage des steirischen VP-Landesrats Gerhard Hirschmann, es könne "nicht sein, dass Leute vom Staat Subventionen kassieren, die die Regierung kritisieren" (sein Kommentar zum Filmfestival Diagonale in Graz). Die vorübergehende, inszenierte Stilllegung einzelner Projekte oder grosser Teile der österreichischen Kunstszene wäre somit gewissermaßen eine Extrapolation, die Veranschaulichung jenes Zustands, der uns erwartet, wenn die momentane Regierung ihr asoziales und kunstfeindliches Programm über längere Zeit umsetzen kann. Was übrig bliebe, wären dann nämlich nur noch die Lipizzaner und diverse sonstige Repräsentationskultur. Die österreichische Kulturpolitik würde schließlich und endlich darauf reduziert werden, was ohnehin bereits seit längerem ihr hochdotierter Schwerpunkt gewesen ist: die Pflege biedermeierlichen Kunstsinns, tourismustauglicher k.u.k.-Kitsch.

Dabei besteht natürlich wie bei jedem anderem Streik die Gefahr, dass er nicht lückenlos von allen Betroffenen durchgeführt wird. Und es ließe sich vielleicht auch einwenden, daß es sich bei all diesen vorgeschlagenen oder praktizierten Stilllegungen gar nicht um effektive Formen des Streiks handelt - gewissermaßen nach dem Motto "Nur wenn die Lipizzaner streiken, tut's wirklich weh". Eine solche Kritik wäre nicht berechtigt, denn die jetzige Situation ist de facto eine besondere Gelegenheit für die Gegenwartskunst sich zu behaupten, zu demonstrieren, daß sie ein beachtliches intellektuelles Potential zur Gegenwartsanalyse und zum gesellschaftlichen Handeln darstellt; und daß sie als solches auch einen nicht zu vernachlässigenden Wirtschafts- und Tourismusfaktor bildet.

Rudern gegen den Eisberg
Was bleibt also uns Nicht-Lipizzanern? Die Erfordernisse liegen klar auf der Hand, zahlreiche Widerstandsformen werden bereits kreativ und intensiv genutzt. Aus den Erfahrungen der amerikanischen Kulturschaffenden unter Reagan oder der britischen unter Thatcher läßt sich diesbezüglich einiges lernen; und auch in den südfranzösischen Gemeinden, die von LePens Front National regiert werden, findet nicht bloß traditionalistische, völkische Kulturarbeit statt. Das sind jüngere und ältere historische Modelle, die der kritischen Kunst in Österreich als Lehrbeispiele dienen können.

Von Pierre Bourdieu konnten wir im Rahmen der Initiative TransAct am 3. April im STANDARD einen Text veröffentlichen, der ebenfalls diesen Fragen gewidmet ist. Bourdieus Initiative im Kampf gegen den Eisberg von rechts operiert hauptsächlich auf der Ebene eines neuen internationalistischen Engagements in der Zusammenarbeit mit europäischen Gewerkschaften und sozialen Gruppen. Ich will daraus eine kurze Passage zitieren, in der der französische Soziologe auch die Rolle der Kunst anspricht; Bourdieu schreibt:

"Was kann man nun gegen diese konservative Revolution tun? Zunächst natürlich den symbolischen Kampf aufnehmen, gerade jene kollektive Arbeit vorantreiben, die sich mit den Ursachen und Erscheinungen dieser konservativen Hegemonie beschäftigt, und dann, etwa mit Unterstützung von Künstlern [...], neuartige und wirksame symbolische Aktionen entwickeln. Man kann aber auch versuchen, neue Strukturen des Widerstandes und insbesondere einen neuen Internationalismus zu schaffen, die sich jene[m] dumpfen Nationalismus entgegen stellen... " [Hervorh. T.S.]

Die Bereitschaft zum kritischen Diskurs ist gegeben (in Europa, in Österreich), doch jetzt müssen wir die entsprechenden Foren dafür suchen. Es stellt sich also nicht nur die Frage, wer auf welche Weise Widerstand leisten kann (je nach politischer Methodologie ist dieses Wort zu ersetzen durch Alternativen wie Reibungswiderstand, Opposition, Kritik, Sabotage u. dgl. m.), sondern vor allem wer sich Widerstand leisten kann. Die Frage nach der Gratifikation von Widerstandskämpfern und kritischen Projekten stellt sich genauso wie bei Comicsfiguren. Denn wer wird schon den süßen Verlockungen (des Turbokapitalismus, der diplomatischen Kulturpolitiker, des Kunstmarkts etc.) widerstehen können? Die schwierigste Aufgabe in diesen repressiver werdenden Zeiten wird es sein, Plattformen für den Diskurs, für die kritische Arbeit offen zu halten oder auch neue dafür zu schaffen. Das Einrichten von neuen Kanälen wird jedoch gerade angesichts der prekären finanziellen Lage durch die Unverfügbarkeit öffentlicher Gelder entweder zur Sisyphusarbeit oder zu einer Form der Prostitution. Deshalb wählt etwa die ominöse Internetgeneration Low budget- oder No budget-Formen wie etwa das Modell der E-mail-Zeitschrift. Vielversprechend erscheinen auch die Möglichkeiten der Vernetzung zwischen bereits bestehenden Einrichtungen und Gruppen. Eine weitere Alternative wird darin liegen, bestehende Medien und Initiativen nachhaltig zu nutzen, das heisst sie neuen Funktionen zuzuführen. Das ist unter anderem die Methode der Initiative TransAct: Der erwähnte Text von Pierre Bourdieu wurde beispielsweise im STANDARD gegenüber der Seite mit dem so genannten "Kommentar der Anderen" gedruckt. Die Seiten von TransAct können also unter anderem im besten Fall so etwas sein wie der erweiterte Kommentar, die zweite Seite zum Kommentar der Anderen. Protagonistinnen und Protagonisten der Kunstwelt im weitesten Sinn können diese Plattform für politische Statements nutzen, verbale und piktoriale politische Codes analysieren und die spezifischen Kompetenzen und Perspektiven künstlerischer Praxis in die gegenwärtigen Auseinandersetzungen einfließen lassen.

Es wird uns KulturarbeiterInnen und KünstlerInnen nicht gelingen, die Proponenten restriktiver Kulturpolitik als bloße Hologramme zu entlarven. Ich will und kann an dieser Stelle auch über die bereits bekannten Initiativen und Netzwerke hinaus keine konkreten Kunstprojekte für die kritische politische Arbeit skizzieren. Doch ich möchte die Gelegenheit für eine kleine Anregung nutzen. Die reaktionäre Diffamierung von Kunst und Kultur operiert mit einem immer leicht reaktivierbaren Satz von tief verankerten Vorurteilen (das war in den Kampagnen gegen Cornelius Kolig oder Herrmann Nitsch genauso der Fall wie bei dem berüchtigten FPÖ-Plakat von 1995 "Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk ... oder Kunst und Kultur ? Freiheit der Kunst statt sozialistischer Staatskünstler"). Ich möchte diesem wenig argumentationsfreudigen Lamento und dem untergriffigen Ressentiment einen kleinen Katalog von konkreten Fragen entgegenhalten. Es handelt sich um themenspezifische Fragen für den diskursiven Kampf gegen diffuse Diffamierungen in Sachen Kunst und Kultur und diese Liste hat bloß vorläufigen Charakter. Auch wenn sie für geübte oder abgebrühte Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kunstwelt auf den ersten Blick so erscheinen mögen, sind die folgenden Fragen nicht als rhetorische Fragen zu verstehen, sondern es kommt ganz darauf an, wer sie beantwortet:

1)Befürworten Sie den Grundsatz öffentlicher Unterstützung für künstlerische Arbeit oder nicht?
2)Möchten Sie die öffentliche Kunstförderung in ihrer bisherigen Form abschaffen und damit die hierzulande zirka 30jährige Tradition staatlicher Unterstützung für eine breite Palette kultureller Aktivitäten abbrechen?
3)Soll es Künstlerinnen und Künstlern erlaubt sein, zu experimentieren und Risiken einzugehen?
4)Sind Sie bereit, Künstlerinnen und Künstlern das Recht auf freie Meinungsäußerung zuzugestehen oder nicht?
5)Erwarten Sie von der Kunst schockiert zu werden?
6)Erwarten Sie von Künstlerinnen und Künstlern, daß sie sich politisch betätigen oder nicht?
7)Glauben Sie, daß Kunst einen größeren und gefährlicheren Einfluß auf die Öffentlichkeit hat als die Massenmedien?
8)Gibt es bei der Darstellung von sexuellen, gewaltbezogenen oder sonstwie anstößigen Inhalten einen grundsätzlichen Unterschied zwischen einer künstlerischen und einer nicht-künstlerischen (z. B. massenmedialen) Repräsentation?
9)Glauben Sie, daß das Publikum gegenüber künstlerischen Botschaften stärker abgestumpft ist als gegenüber den täglichen Nachrichten? (Frage der Ermüdung von Aufmerksamkeit und Mitgefühl)
10) Soll Kunst ausschließlich ästhetisch angenehmen, dekorativen, allgemein vergnüglichen Zwecken dienen oder nicht?
11) Ist es eine Aufgabe der Kunst, das Totschweigen ("silencing") von marginalen gesellschaftlichen Positionen zu bekämpfen oder nicht?

Anmerkungen: 1 "Do the right thing. Erste Folge" erschien im Rahmen der Initiative TransAct in Zusammenarbeit mit museum in progress am 17. März 2000 in der Tageszeitung DER STANDARD (www.mip.at/projekte/40.html). Dieser erste Text kontrastierte unter anderem die Marktkonformität und Tellerrandideologie zeitgenössischer Politik mit gegenläufigen Potentialen künstlerischer Praxis.

2 Stella Rollig, "Das wahre Leben", in: Marius Babias und Achim Könneke (Hg.), Die Kunst des Öffentlichen, Amsterdam und Dresden: Verlag der Kunst 1998, S. 27.

4. April 2000





John Cage

4'33''

Florian Müller Klavier


I Tacet
II Tacet
III Tacet

Der Titel dieses Werkes ist die gesamte Dauer der Aufführung in Minuten und Sekunden.
In Woodstock N.Y., am 29. August 1952, lautete der Titel 4'33'' und die drei Sätze dauerten 33'', 2'40'', und 1'20''. Das Werk wurde von dem Pianisten David Tudor aufgeführt, der den Beginn der Sätze mit dem Schliessen, und deren Ende mit dem Öffnen des Tastaturdeckels anzeigte. Nach der Aufführung in Woodstock wurde eine Abschrift in proportionaler Notation für Irwin Kremen angefertigt. Darin waren die Zeitdauern der Sätze 30'', 2'23'', und 1'40''. Das Werk darf von einem/mehreren Instrumentalisten und die Sätze in jeder Zeitdauer aufgeführt werden.




Das Wiener Geräuschorchester
Leitung, Igor Lintz Maués

Klangstille (UA)

Florian Bogner (Casio SK-1, Delay), Jonas Bohatsch (Mackie Micro), Oliver Grimm (Elektronik), Gilbert Handler (elektrische Leier), Boris D. Hegenbart (EXT IN), Maximillian Kircher (elektrischer Kontrabaß), Igor Lintz Maués (elektrische Bratsche), Niko Polymenakos (elektrisches Klavier), Lisa Rozmann (MiniDisc-Samples), Marcus Wiesner (Videoaufnahme), Georg Schmelzer-Ziringer (Elektronik).

Klangstille ist eine dreiteilige kollektive Komposition.
Der erste Teil erzählt von Klangqualität (Klangfarbe).
Der zweite von Klang- und Stilleverteilung im Zeitraum.
Der Dritte von Klangquantität (Klangdichtung).




Paul Divjak

Letzte Bilder der Nacht

A 1994 / 96, Originalformat U-matic Low-band, Farbe, stumm, 4 Minuten.
Regie / Idee: Paul Divjak
Kamera / Schnitt: Georg Plank. Produktion: Paul Divjak & Georg Plank
Verleih: sixpack film

Die Letzten Bilder (und Töne) der Nacht waren im Fernsehprogramm des staatlichen österreichischen Rundfunks bis zur Einführung des 24-Stunden Sendebetriebes 1994 zwei ineinander überblendete Aufnahmen der zu den Klängen der Bundeshymne im Wind flatternden Landesflagge (samt Bundesadler). Diesen 'Clip' zeigt der Film von Paul Divjak, wiederholt ihn als etwas anderes.
Die Fahne stand für einen von den medienhistorischen Veränderungen zum Scheitern verurteilten Versuch, Grenzen zu markieren: die Grenze eines nationalen Territoriums (in diesem Fall: Österreichs), das die weltweiten Satelliten- und Kabel-TV-Kanäle schon längst durchqueren, auflösen und zerschneiden; die Grenze zwischen Tag und nacht, an der die Republik ihren Bürgern gesunden Schlaf verordnet; und die Grenze zwischen dem finsteren Mittelalter der Fernsehgeschichte - der Staatlichen Monopolsender bzw. öffentlichen Rechtsgewalt über Information und Unterhaltung - und der angebrochenen Ära permanenter Überbelichtung des Lebens durch private Fernsehangebotsvielfalt, in der neue Macht-, Kontroll- und Verblödungseffekte ins Spiel kommen.
Die ersten Bilder des endlos verlängerten Tages brauchen keine Fahnen (und Testbilder) mehr, und es bläst ein rauher Wind.
(Drehli Robnik)





Theo Steiner, Philosoph und Ausstellungskurator. Seit 1999 Lehrbeauftragter an der Universität für Angewandte Kunst (Lehrkanzel für Kunstgeschichte), Gründungsmitglied der offenen Plattform TransAct (in Zusammenarbeit mit museum in progress und der Tageszeitung DER STANDARD), Konzeption der Vortragsreihe "Learning from Las Vegas? Kunst in der Ereignisgesellschaft", Depot Wien, Mai 1999.

Florian Müller, Pianist, (geb. 1962 / Deutschland) ist einer der zentralen Interpreten zeitgenössischer Musik in Österreich und trat als Solist bei bedeutenden Festivals wie Wien modern und Salzburger Festspiele hervor.
Als Ensemblemitglied des Klangforum Wien ist er regelmässiger Gast internationaler Festivals in Europa , Amerika und Japan und spielte eine Vielzahl an Rundfunk- u. CD-Produktionen ein (u.a. die mit dem Grand Prix du Disque Academie Charles Cros 1998 ausgezeichnete Gesamtaufnahme der Werke Jean Barraqués).
Die Musiker des Klangforum Wien haben am 16. 2. 2000 eine Erklärung verabschiedet, in der sie eine Regierungsbeteiligung der FPÖ ablehnen.

Das Wiener Geräuschorchester wurde 1998 am Institut für Elektroakustik, Experimentelle und Angewandte Musik an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien gegründet. Es widmet sich einem Repertoire im Zusammenhang mit Live-Elektronik-Klängen, die in spezielle Räume projiziert werden.

Paul Divjak, geboren 1970 in Wien. Studium der Medien-, Film- und Theaterwissenschaft. Wort- und Bildveröffentlichungen, Filme, Installationen.



2. Stille, mit Dank an: Richard Ferkl, Boris Kopeinig, Sven Sappelt, sixpack film (www.t0.or.at/~sixpack/frames/statment-d.html)