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Veranstaltung am 4. Mai 2000 im Wiener Künstlerhaus, Künstlerhaus
Kino. Hans Martin Prinzhorn Ich lüge. Schon das antike Paradox des Lügners hat das Konzept von Wahrheit und sprachlicher Bedeutung gehörig ins Schwanken gebracht. Wenn wir annehmen, dass der Satz "ich lüge" wahr ist, dann muss er wegen seiner Aussage falsch sein und wenn wir annehmen, dass der Satz falsch ist, dann ist die Aussage des Satzes nicht wahr, es ist also nicht wahr, dass er falsch ist, mit anderen Worten ist er dann wahr. Widersprüche über Widersprüche, aus denen auch die Konstruktion von verschiedenen Ebenen der Bedeutung nicht wirklich hinausführen. Wenn wir die sprachliche Bedeutung nicht einfach mit Hilfe des Gegensatzes von wahr und falsch erfassen können, müssen wir Sprache als soziale Handlung verstehen, die sich nicht unbedingt mit entweder-oder Entscheidungen fassen lässt, sondern vielmehr mit verschiedenen Normen, Anleitungen und Prinzipien, die sich untereinander auch widersprechen können oder verletzt werden können. Das ist es, was man allgemein die pragmatische Bedeutung oder Sprecherbedeutung nennt. Sprache wird dann in einem performativen Zusammenhang gesehen, statt Wahrheitsbedingungen gibt es Gelingensbedingungen, Ausdrücke wie Aufrichtigkeit oder Missbrauch sind Teil des analytischen Inventars. Solche Modelle können also sehr gut erklären, warum etwa Entschuldigungen, die in einem Kontext "Wenn es sein muss, dann tue ich das halt" vorgebracht werden, einerseits die Opfer einer vorangegangenen Tat noch einmal mehr beleidigen, andererseits aber den Tätern ungebrochene Solidarität signalisieren. Nicht nur, dass hier die pragmatische Sprecherbedeutung perfekt instrumentalisiert und beherrscht wird, kann diese je nach politischer Notwendigkeit auch wieder in Abrede gestellt werden und es findet wiederum ein Rückzug auf eine Ausdrucksbedeutung statt, die auf einem kontextlosen Wahrheitsbegriff basiert: Um beim Beispiel zu bleiben: Die Entschuldigung hat in einem formalen Sinn dann stattgefunden, das heißt, es wäre in diesem Sinn eine falsch, sie im rein wörtlichen Sinne abzustreiten und der Fall ist damit erledigt ("Was will man denn noch?"). Oder: Nachdem die Bedeutung von Konzentrationslagern durch die Verwendung des Wortes "Straflager" kontextuell derart verändert wird, das ihre Einmaligkeit und die Dimension des Holocaust damit in Abrede gestellt werden, findet sich sofort ein Adlatus, der diesen Sprechakt ausgerechnet mit einer (kontextlosen) Wörterbuchdefinition in Abrede stellen will. Der Ausdruck "eigentliche Bedeutung" wird so bis zur Auflösung hin pervertiert. Das hin- und herschalten, das Switchen zwischen verschiedenen Diskursebenen und Bedeutungsmodellen wird zum zentralen Bestandteil dieser politischen Kommunikation. Auch in umgekehrter Richtung, das heißt von eine kontextlosen Ausdrucksbedeutung zu eine Sprecherbedeutung funktioniert dieses Umschalten: Als Haider von einem CNN Reporter nach den Wahlen auf sein berüchtigtes Beschäftigungspolitik-im-Dritten-Reich-Zitat angesprochen wurde, war er mit der Antwort, dieses sei außerhalb des Kontexts zitiert worden, so schnell zur Stelle, dass dem Interviewer gar nicht einfiel, nachzufragen, in welchem Kontext so ein Zitat denn weniger oder gar nicht problematisch sei. Während man bei Schüssel mit seinem verzweifelten Appell die Regierung "doch an ihren Taten zu messen", noch an den Wunsch glauben könnte, sprachliches und nichtsprachliches Handeln seinen zu trennen, ist es die Strategie der neuen Rechtspopulisten, diese verschiedenen Ebenen sprachlichen und nicht-sprachlichen Handelns mit hoher Flexibilität zu bespielen, sie auszutauschen und gegeneinander auszuspielen. Als Linguist befällt einem hier ein merkwürdiges Gefühl und es stellt sich immer mehr die Frage, ob der eindrucksvolle Fortschritt dieser Wissenschaft in den letzten vierzig Jahren nicht auch sehr viel dazu beigetragen hat, dass über alle möglichen Formen von Kommunikationstraining hier ein Wissen verbreitet wird, das es in einem immer höheren Maße möglich macht, das sprachliche Was zugunsten eines sprachlichen Wie zu verdrängen. Objekt- und Metasprache lassen sich hier oft nicht mehr trennen und für den Forscher stellt sich dann die Frage, wer denn eigentlich im Käfig sitzt. Fortschritte auf diesem Gebiet können letztendlich immer in den Dienst der Maxime "Sage das, was wirkt" gestellt werden und Sprache gekoppelt mit dem Wissen darüber dient nur mehr der werbe- und medientechnischen Erzeugung dieser Wirkung. Es ist schon oft auf den konstruierten Charakter des neuen populistischen Politikertypus hingewiesen worden, wie dieser durch Medientechniken und Meinungsumfragen erzeugt wird, immer flexibel und bereit, sich einer neuen Situation anzupassen, verbunden mit der Unmöglichkeit, ihn mit Identitäts- oder "Eigentlichkeits"-Fragen zu konfrontieren, wie das der Kulturgeschichtler Thomas Macho kürzlich formuliert hat. Kein "wahres Selbst", die Frage "Wer bist du wirklich" lässt sich nicht stellen. Das zentrale Moment inmitten aller Kleidungs- und Imagewechsel ist die Sprache, die ihrerseits keinen wahren Kern mehr besitzen soll, der ein Festmachen oder eine Verankerung an Tatsachen ermöglichen würde. Ausdruck und Inhalt müssen genau so schnell austauschbar sein wie die Pronomina "ich" oder "wir". "wir" ist "ich" und "wir" können die "richtigen und aufrechten Österreicher" oder auch mal wir alle sein, je nachdem in welchem Kontext die "Anderen" gerade definiert werden. Das Spiel mit der Wahrheit wird nicht, wie bei den alten Griechen auf ein logisches Paradox reduziert, sondern Wahrheit verflüchtigt sich in der Oszillation zwischen Diskurspositionen und -strategien, ganz angepasst den jeweiligen Anforderungen der Mediendemokratie. Der Satz "ich lüge" ist unter diesen Bedingungen so etwas wie eine permanente virtuelle Wahrheit, und zwar eine, die auf ihren Täuschungscharakter hinweist. Caroline Weihs / Michael Domes Institut für Evidenzwissenschaft Film: Heimkehr. Wien 1941 / 1996 A 1996, 35 mm, b/w, 5 min Konzept / Montage / Realisation: Caroline Weihs / Michael Domes Produktion: Institut für Evidenzwissenschaft Verleih: sixpack flm Geordnete Leidenschaften VII. 1000 Jahre Österreich / Pathos und Plan Wie früher Geister kamen aus Vergangenheit So jetzt aus Zukunft ebenso. (Brecht) Man hoffte, das Volk zu der Leidenschaft des Nationalhasses verdummen zu können und daß es durch künstliche Exzesse gegen die Ausländer sein wirkliches streben und seine einheimischen Verräter vergessen würde. (Marx) Zur herrschenden Konjunktur diverser aufgeblähter Nationalgefühle, Heimat-, Blut- und Bodenbeschwörungen und Rassismen. Im Experimentellen Kurzfilm Heimkehr. Wien 1941/1996 wird eine Montage aus Text und Ton einer historischen Sequenz aus dem nationalsozialistischen Propagandafilm Heimkehr voran- und nachgestellt. Heimkehr wurde 1941 von der Wien-Film produziert. Der Film zeigt Täter, die sich als Opfer inszenieren und Völkermörder, die zu Märtyrern werden. Paradeösterreicher beschwören in Polen ihre deutsche Heimat, die Nation und die Krume des Ackers. "Und wir. Wir werden so mitten innen sein im Herzen von Deutschland. (...) Daheim und zuhause (...) wenn wir da aufwachen aus'm Schlaf, da wird das Herz in'nem süßem Schreck plötzlich wissen, wir schlafen ja mitten in Deutschland, daheim und zuhause und ringsum da schlagen Millionen deutsche Herzen und pochen in einem fort leise: daheim bist du, Mensch, daheim, daheim bei den Deinen. Dann wird uns ganz wunderlich sein ums Herz." (Heimkehr 1941) Die pathostriefende Beschwörung von Heimat und Nation wird in ihre Bruchstücke zerlegt und mit Schrift auf der Leinwand konfrontiert. Der Text verweist auf Struktur und Inszeniertheit der fragmentierten Rede. Plan und Pathos verfremden einander. (Institut für Evidenzwissenschaft) Martin Schwab Lesung Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum. Deine Zauber binden wieder, Was die Mode streng geteilt, Alle Menschen werden Brüder, Wo dein sanfter Flügel weilt. Wem der große Wurf gelungen, Eines Freundes Freund zu sein Wer ein holdes Weib errungen, Mische seinen Jubel ein! Ja - wer auch nur eine Seele Sein nennt auf dem Erdenrund! Und wer's nie gekonnt, der stehle Weinend sich aus diesem Bund! Freude heißt die starke Feder In der ewigen Natur. Freude, Freude treibt die Räder In der großen Weltenuhr. Blumen lockt sie aus den Keimen, Sonnen aus dem Firmament, Sphären rollt sie in den Räumen, Die des Sehers Rohr nicht kennt. Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt! Brüder - überm Sternenzelt Muß ein lieber Vater wohnen. Text Friedrich Schiller, "An die Freude", 1. Strophe Europa-Hymne. Vom Europarat 1972 beschlossen und angenommen. (Für die anderen Mitgliedsländer in deren Amtssprache(n) übersetzt). (Stille) Deklaration "Verantwortung für Österreich - Zukunft im Herzen Europas" (Präambel) Die Bundesregierung bekräftigt ihre unerschütterliche Verbundenheit mit den geistigen und sittlichen Werten, die das gemeinsame Erbe der Völker Europas sind und der persönlichen Freiheit, der politischen Freiheit und der Herrschaft des Rechts zugrunde liegen, auf denen jede wahre Demokratie beruht. Die Bundesregierung tritt für Respekt, Toleranz und Verständnis für alle Menschen ein, ungeachtet ihrer Herkunft, Religion oder Weltanschauung. Sie verurteilt und bekämpft mit Nachdruck jegliche Form von Diskriminierung, Intoleranz und Verhetzung in allen Bereichen. Sie erstrebt eine Gesellschaft, die vom Geist des Humanismus und der Toleranz gegenüber den Angehörigen aller gesellschaftlichen Gruppen geprägt ist. Die Bundesregierung arbeitet für ein Österreich, in dem Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus keinen Platz finden. Sie wird jeder Form von menschenverachtendem Gedankengut und seiner Verbreitung konsequent entgegentreten und sich für die volle Beachtung der Rechte und Grundfreiheiten von Menschen jeglicher Nationalität einsetzen - gleichgültig aus welchem Grund sich diese in Österreich aufhalten. Sie bekennt sich zu ihrer besonderen Verantwortung für einen respektvollen Umgang mit ethnischen und religiösen Minderheiten. Die Bundesregierung unterstützt die Charta der europäischen politischen Parteien für eine nichtrassistische Gesellschaft und verpflichtet sich, auf die vorbildliche Verwirklichung der in dieser enthaltenen Grundsätze in Österreich hinzuwirken. Die Bundesregierung bekennt sich zum Schutz und zur Förderung der Menschenrechte und setzt sich für ihre bedingungslose Realisierung auf nationaler wie auf internationaler Ebene ein. Dies ist auch ein wichtiger Beitrag, um vorbeugend Kriege und interne Konflikte zu verhindern, die Menschen in ihren Rechten verletzen, vertreiben oder zum Verlassen ihrer Heimat zwingen. Die Bundesregierung bekennt sich zu den allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union gemeinsamen Prinzipien der pluralistischen Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit, wie sie auch in der österreichischen Verfassung verankert sind und die Voraussetzung für die Mitgliedschaft im Europarat bilden. Die in Österreich verfassungsmäßig garantierten, in der Europäischen Menschenrechtskonvention niedergelegten Rechte und Freiheiten sind klarer Ausdruck dieses Bekenntnisses. Die Bundesregierung bekennt sich zum Friedensprojekt Europa. Die Zusammenarbeit der Koalitionsparteien beruht auf einem Bekenntnis zur Mitgliedschaft Österreichs in der Europäischen Union. Die Bundesregierung ist den allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union gemeinsamen Grundsätzen der Freiheit, der Demokratie, der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet, wie sie im Artikel 6 des Vertrages über die Europäische Union festgeschrieben sind. In der Vertiefung der Integration und der Erweiterung der Union liegt auch Österreichs Zukunft. Österreichs Geschichte und geopolitische Lage sind ein besonderer Auftrag, den Integrationsprozess voranzutreiben und den europäischen Gedanken noch stärker im Alltag der Menschen zu verankern. Besonderes Gewicht zur Sicherung des Friedens und der Stabilität im 21. Jahrhundert wird der transatlantischen Partnerschaft zukommen. Der Europäischen Union als Wertegemeinschaft entspricht auch ein bestimmtes Konzept der künftigen Entwicklung der europäischen Integration. Dazu gehören insbesondere die Arbeiten an der Charta der politischen und sozialen Grundrechte. Österreich unterstützt die weiteren Arbeiten zur Bekämpfung jeglicher Form von Diskriminierung im Sinne von Artikel 13 des EU-Vertrages. Eine lebendige Kultur der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit erfordert ein Verhältnis zwischen Staat und Bürgern, das dem Einzelnen neue Freiheits- und Verantwortungsräume schafft. Im modernen Leistungsstaat gibt es Aufgaben, die besser vom Einzelnen oder von nichtstaatlichen Akteuren wahrgenommen werden können. Die Bundesregierung bekennt sich aber mit allem Nachdruck zur solidarischen Sicherstellung sozialstaatlicher Leistungen für jeden Bürger, der die Hilfe und Unterstützung des Staates braucht. Dies gilt insbesondere für Menschen, die an den Chancen der Modernisierung, die das Leben zunehmend prägt, nicht teilhaben können. Das Solidaritätsprinzip bedeutet auch, dass auf die Bedürfnisse und Lebensperspektiven künftiger Generationen Rücksicht zu nehmen ist, um faire Chancen für alle Mitglieder der Gesellschaft und ihre Lebensentwürfe zu sichern. Die Bundesregierung will Österreich als leistungs- und wettbewerbsorientierten Wirtschaftsstandort stärken. Das ist die Basis für die Sicherung bestehender, sowie die Schaffung neuer Arbeitsplätze und des Wohlstandes in unserem Land. Gerade Österreichs Beitritt zur Europäischen Union und eine gesicherte Teilnahme an der Währungsunion waren und sind wichtige Voraussetzungen für die Zukunft von Wirtschaft und Arbeit in Österreich. Die Sozialpartnerschaft hat sich in Österreich als wichtiges Standortinstrument für Wirtschaft und Arbeit bewährt und dadurch zum sozialen Frieden in Österreich beigetragen. Die Bundesregierung bekennt sich zur umfassenden Kooperation mit den Sozialpartnern, empfiehlt aber gleichzeitig die notwendige Reformbereitschaft der Sozialpartnerschaft etwa bei der Reform der Sozialversicherungsträger, einschließlich der Wahl der Versichertenvertreter, und der Stärkung des Servicecharakters der sozialpartnerschaftlichen Einrichtungen. Die Bundesregierung ist sich bewusst, dass die österreichische Bevölkerung auf ihren großen Leistungen zielstrebig weiter aufbauen und die Stärken Österreichs konsequent weiter entwickeln muss. Österreich stellt sich seiner Verantwortung aus der verhängnisvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts und den ungeheuerlichen Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes: Unser Land nimmt die hellen und die dunklen Seiten seiner Vergangenheit und die Taten aller Österreicher, gute wie böse, als seine Verantwortung an. Nationalismus, Diktatur und Intoleranz brachten Krieg, Fremdenhass, Unfreiheit, Rassismus und Massenmord. Die Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit des Verbrechens des Holocaust sind Mahnung zu ständiger Wachsamkeit gegen alle Formen von Diktatur und Totalitarismus. Das Vorhaben der Europäischen Union eines breiten, demokratischen und wohlhabenden Europas, zu dem sich die Bundesregierung vorbehaltlos bekennt, ist die beste Garantie gegen eine Wiederkehr dieses dunkelsten Kapitels der österreichischen Geschichte. Die Bundesregierung bekennt sich zur kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Sie wird für vorbehaltlose Aufklärung, Freilegung der Strukturen des Unrechts und Weitergabe dieses Wissens an nachkommende Generationen als Mahnung für die Zukunft sorgen. Hinsichtlich der NS-Zwangsarbeit wird die Bundesregierung im Lichte des Zwischenberichts der österreichischen Historikerkommission unter Berücksichtigung der primären Verantwortung der betroffenen Unternehmen um sachgerechte Lösungen bemüht sein. Die Regierungsparteien bekennen sich zu einer neuen Form des Regierens und der Zusammenarbeit. Sie wollen Probleme lösen, Herausforderungen bewältigen und konsequent Chancen nützen, weil sie der Zukunft Österreichs in Europa verpflichtet sind. Österreich wird als stabiles, verlässliches und partnerschaftliches Land seinen Beitrag für ein friedliches und sicheres Miteinander in Europa und der Welt leisten. Wien, am 3. Februar 2000 Dr. Jörg Haider, Dr. Wolfgang Schüssel (Stille) Land der Berge, Land am Strome, Land der Äcker, Land der Dome, Land der Hämmer, zukunftsreich! Heimat bist du großer Söhne, Volk, begnadet für das Schöne, Vielgerühmtes Österreich, Vielgerühmtes Österreich! Heiß umfehdet, wild umstritten Liegst dem Erdteil du inmitten, Einem starken Herzen gleich. Hast seit frühen Ahnentagen Hoher Sendung Last getragen, Vielgeprüftes Österreich, Vielgeprüftes Österreich! Mutig in die neuen Zeiten, Frei und gläubig sieh uns schreiten, Arbeitsfroh und hoffnungsreich. Einig laß in Brüderchören, Vaterland, dir Treue schwören, Vielgeliebtes Österreich, Vielgeliebtes Österreich! Gustav Deutsch Film: 55 / 95 A 1994, 16 mm, b/w, 1 min Konzept & Realisation Gustav Deutsch Verleih: sixpack film Ein Fundstück aus der österreichischen Vergangenheit, bearbeitet im Hinblick auf die Zukunft. 15.5.1955 - "Österreich ist frei", sagt der österreichische Außenminister und läßt das Papier fallen, auf dem dieser Satz steht. 40 Jahre später finde ich ein Stück Film, auf dem diese Szene festgehalten ist. 1.1.1995 - Österreich tritt der EU bei. Staatsvertrag und Neutralität stehen zur Diskussion. Ich bearbeite das Filmfundstück, als nationales Beispiel für den internationalen Umgang mit politischer Verantwortung. (Gustav Deutsch) Die Frage ist heute: Frei wovon und frei wofür? (Eva Waniek) Der einminütige Film enthält eine Einstellung aus jener Wochenschau aus dem Jahr 1955, in der Leopold Figl nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages die österreichische Freiheit verkündet. In Zeiten des EU-Beitritts und rechter Träume von einer Dritten Republik wird die Bearbeitung einer heiteren Lappalie zum ernsten Kommentar über den realen Umgang mit der österreichischen Neutralität und Unabhängigkeit. (Peter Tscherkassky) August Ruhs Ich sage immer die Wahrheit "Ich sage immer die Wahrheit: nicht die ganze, denn die ganze zu sagen, erreicht man nicht. Sie ganz zu sagen, das ist unmöglich, materiell: da fehlen die Worte. Gerade durch dieses Unmöglich hängt die Wahrheit am Realen". Das Reale, das ist das Unmögliche, weil man es nicht sagen kann. Somit ist nur das Reale nicht wahr, weil nur das Sagbare wahr sein kann. Von Herrn H. zum Beispiel sagt man, dass er ein Lügner ist. Das ist wahr. Herr H. selbst denkt auch, dass er ein Lügner ist, weil er immer die Wahrheit sagt. Herr H. pflegt diese Haltung. Denn Herr H. möchte ein Schurke sein, und ein Schurke möchte er sein, weil er nicht nur ein Sportler, sondern auch ein Intellektueller sein möchte. Herr H. weiß, dass es Links- und Rechtsintellektuelle gibt. Er hat auch gehört, dass die Linksintellektuellen Hofnarren und die Rechtsintellektuellen Schurken sind. Herr H. möchte kein Hofnarr sein weil er sich den Schurken näher fühlt und weil er nicht ausgegrinst werden möchte. Deshalb ist Herr H. ein Schurke und ein Lügner, der immer die Wahrheit sagt. Von Herrn S. zum Beispiel sagt man auch, dass er ein Lügner ist. Das ist wahr. Herr S. denkt aber nicht, dass er ein Lügner ist. Herr S. wehrt sich gegen diese Auffassung. Denn Herr S. möchte, im Gegensatz zu Herrn H., kein Schurke sein, weil er auch kein Intellektueller sein möchte. Herr S. möchte in erster Linie ein Fröhlicher sein. Ein fröhlicher Sportler und ein fröhlicher Musikant. Aber das glaubt man Herrn S. nicht und sagt, dass das seine Masche ist. Das ist nicht wahr, sagt Herr S. fröhlich. Sowohl Herr H. und Herr S. sagen immer die Wahrheit. Nicht die ganze, denn die ganze zu sagen, erreicht man nicht. Sie ganz zu sagen, das ist unmöglich, materiell: da fehlen die Worte. Gerade durch dieses Unmöglich hängt die Wahrheit am Realen. Dort, im Realen, gibt es kein Sagen und damit auch keine Wahrheit und an seinen Rändern ist allenfalls ein Schweigen vernehmbar. Dieser Rest hat keinen Ausdruck, dieses Andere hat keinen Anderen, der es repräsentieren könnte, so dass es auch keine Metasprache gibt. Wenn es sie gäbe, wo kämen wir da hin? Herr H., der ein Intellektueller sein möchte, hat das nicht verstanden. Herr H. glaubt, dass es möglich ist, die ganze Wahrheit zu sagen. Denn Herr H. glaubt an das Ganze und glaubt auch, dass er ganz ist. Deshalb will er immer auch alles haben. Herr H. ist alle, die so ganz sind wie er und die ganz so sind wie er. Herr H. möchte, dass alle diese immer die ganze Wahrheit sagen und als diese alle und für diese alle muß er immer die ganze Wahrheit sagen. Diese alle sind die kleinen anderen, die er liebt. Die großen Anderen, die ganz anders sind, liebt er nicht. Die kleinen anderen, die Herr H. liebt, sind aber nicht alle ganz gleich. Deshalb muß sich Herr H. so oft umziehen. Dann sagt Herr H. in jeder Kleidung der kleinen anderen die Wahrheit, und weil die Kleider immer ein wenig anders sind, sind auch die Wahrheiten immer ein wenig anders. Aber Herr H. ist in jeder Form Herr H., denn Herr H. glaubt auch, dass er Herr H. ist. Deshalb ist Herr H. auch nicht gespalten in Herrn H. der Aussage und in Herrn H. der Äußerung. Schon aus diesem Grund sagt er immer die Wahrheit, da er nicht täuschen kann. Über die Wahrheit der Täuschung verfügt damit Herr H. nicht, weil er die Rede des ganz Anderen verwirft. Herr H. kann sich deshalb nicht versprechen, was ihn allerdings nicht daran hindert, stets zu versprechen. Herr S., der kein Intellektueller sein möchte, sondern nur ein Fröhlicher, glaubt schon, dass es unmöglich ist, die ganze Wahrheit zu sagen. Herr S. glaubt daher auch nicht an das Ganze und glaubt auch nicht, alle zu sein. In diesem Sinn ist Herr S. bescheidener. Deshalb zieht sich Herr S. nur selten um. Deshalb fühlt sich aber auch Herr S. kleiner als Herr H., glaubt aber, fröhlicher zu sein als Herr H. Herr S. glaubt überhaupt, dass Herr H. nur so tut, als wäre er fröhlich. Herr S. meint daher, dass Herrn H. etwas fehlt. Herr S. hat, was Herrn H. fehlt, denn er ist wirklich fröhlich. In dieser Hinsicht ist Herr S. das Symptom von Herrn H. Herr S. glaubt auch nicht, dass er Herr S. auch ist. Herr S. weiß, dass er Herr S. nur heißt, weshalb er gespalten ist in Herrn S. der Aussage und in Herrn S. der Äußerung. Somit kann Herr S. täuschen und sagt die Wahrheit auch in der Form: Ich täusche dich. Man darf sich aber nicht täuschen und glauben, dass dies eine Über-Wahrheit ist. Es ist nur eine andere, eine zweite Wahrheit, kommend aus der Rede des Anderen. Denn: "Wer mit den Lippen schweigt, schwatzt mit den Fingerspitzen. Verrat dringt aus allen Poren". Nur in diesem Sinn ist die Stille der Lärm der Wahrheit. August Ruhs (unter Mitwirkung von S. Freud und J. Lacan), Mai 2000 Hans Martin Prinzhorn, Linguist an der Universität Wien, Kunsttheoretiker und Kurator. Caroline Weihs / Michael Domes, gemeinsame experimentelle Forschungsarbeit in Kunst und Theorie mit den Mitteln Film / Video / Fotografie / Theater / Skulptur / Text seit 1990. Martin Schwab, Burgschauspieler, mehrfach Ausgezeichnet: Kainz-Medaille der Stadt Wien, Kammerschauspieler, Schauspieler des Jahres. Seit 1982 Auftritte bei den Salzburger Festspielen, seit 1987 Ensemble-Mitglied des Wiener Burgtheaters. Gustav Deutsch, Zeichnungen seit 1962, Musik seit 1964, Fotografie seit 1967, Architektur seit 1970, Video seit 1977, Filme seit 1981, Töne seit 1981, Aktionen seit 1983 in Österreich, Deutschland, England, Luxemburg, Frankreich, Marokko, Griechenland. August Ruhs, Dr.med., Psychiater und Psychoanalytiker, Assistenzprofessor und Vorstandsstellvertreter an der Wiener Universitätsklinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie, Vorstandsmitglied der Wiener Sigmund-Freud-Gesellschaft, Mitbegründer der "Neuen Wiener Gruppe/Lacan-Schule". 3. Stille, mit Dank an: Renald Deppe, Richard Ferkl, Alexander Horwath, Boris Kopeinig, Sven Sappelt, sixpack film (www.t0.or.at/~sixpack/frames/statment-d.html) |