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Erinnerung - Gedächtnis - Identität. Veranstaltung am 4. Juni 2000 im Wiener Künstlerhaus. Oliver Marchart Constructing Silence. Umkämpfte Erinnerung und die Konstruktionen des Unsagbaren. Wer heute über Erinnerung und Gedächtnis - und damit ist immer kollektives Gedächtnis gemeint - zu arbeiten gedenkt, sieht sich einer Fülle, ja einem Boom an entsprechenden Publikationen, Symposien und Forschungsprojekten gegenüber. Ein neues Paradigma scheint sich bereits etabliert zu haben, das still und leise die klassischen Kulturwissenschaften wie auch Teile angrenzender Humanwissenschaften unterwandert und neu ausgerichtet hat. Der Leitbegriff, an dem die Neuausrichtung stattfindet, ist der des kollektiven Gedächtnisses1. Vor allem die Rolle von bewusst politisierten Kulturstudien, die im anglo-amerikanischen Raum von den Cultural Studies ausgefüllt wird, wird im deutschsprachigen Raum zu einem großen Teil von jenen fortschrittlichen Kulturwissenschaften übernommen, die man mit einer gewissen Berechtigung - nämlich gemäß ihres Leitbegriffs - eigentlich Memoria-Studies nennen könnte.2 Was sind die Grundannahmen, auf denen diese Gedächtnisstudien aufsitzen. Ich würde zwei Merkmale herausgreifen, die zumindest für ihre fortschrittlichen und politisierten Fraktionen verbindlich zu sein scheinen. (Zumindest sind sie verbindlich für die gleich folgende Analyse gegenwärtiger österreichischer Erinnerungsdiskurse, die sich im Schnittpunkt der Disziplinen von Politischer Theorie, Kulturwissenschaft und Diskursanalyse verortet.) Diese zwei Merkmale fortschrittlicher Gedächtnisgeschichte sind die folgenden: Solche Studien verstehen sich zum ersten der breiteren, wenn nicht heute bereits vorherrschenden Strömung des sozialen Konstruktivismus zugehörig, und zum zweiten gehen sie davon aus, dass die Konstruktion von Erinnerung nicht so friedlich abläuft, wie es den Anschein haben mag. Vielmehr setzen sich bestimmte Erinnerungen gegen andere durch und werden hegemonial. Das Terrain, auf dem kollektive Erinnerungen erzeugt werden, ist durch den Widerstreit verschiedenster Bemühungen gekennzeichnet, Vergangenheit in jeweils ihrem Sinn zu konstruieren. Hinzu kommt, dass diese Bemühungen mit jeweils äußerst ungleich verteilten Machtressourcen auskommen müssen. Bleiben wir aber, zum besseren Verständnis, kurz beim ersten Merkmal; auch wenn inzwischen schon klar sein müsste, dass die beiden Merkmale zusammenhängen.3 Was bedeutet sozialer Konstruktivismus im Zusammenhang mit Gedächtnisgeschichte und kollektiver Erinnerung? Es gibt eine Vorstellung vom historischem Gedächtnis einer Gesellschaft, die dieses Gedächtnis als Arsenal, als Lager oder - vielleicht am treffendsten - als Kühlschrank versteht. Als ein Ort, an dem die historischen Artefakte, ja die historische "Realität" als solche, einfach konserviert herumliegt, und in den man hineingreifen und die Vergangenheit herausziehen kann wie eine tiefgefrorene Pizza. Diesem Modell der Tiefkühlpizza steht die konstruktivistische Vorstellung gegenüber. Nach dieser Vorstellung bezieht sich die kollektive Erinnerung nicht auf ein Realereignis (um dann von der Wissenschaft daran gemessen zu werden, wie exakt es diesem Ereignis nahe kommt). Der beste Beweis, falls es in dieser Diskussion überhaupt so etwas wie "Beweise" geben kann, besteht darin, dass man sich auch an etwas erinnern kann, das es real möglicherweise nie gegeben hat: Einer der großen Fortschritte der Psychoanalyse etwa liegt darin, dass sie uns darauf hingewiesen hat, dass man individuelle Erinnerungen an ein Ereignis haben kann (wie eine Kindesmisshandlung), das nie stattgefunden hat.4 In der kollektiven, politischen Geschichte sind es nationale Mythen oder Heldenepen, die gute Beispiele für eine solche - meist glorreiche - Vergangenheit geben, die nie stattgefunden hat. Doch sogar unabhängig von der Frage, ob bestimmte Ereignisse nun stattgefunden haben oder nicht, sind die Erinnerungen an sie - also das spezifische Licht, in das sie getaucht sind - immer Ergebnisse von Konstruktionen.5 Deshalb sollte man, statt von Erinnerung als einem statisch Gegebenen zu sprechen, besser von Erinnern sprechen als einer aktiven Handlung, einer Tätigkeit, die immer schon Erinnern-an, nämlich Erinnern-an-Etwas ist. An ein Etwas, das historische Ereignis, das in seiner platten Faktizität nicht zugänglich ist, sondern durch die Erinnerungsleistung, d.h. seine Konstruktion, für uns überhaupt erst erinnerbar wird. Wenn der Inhalt des Kühlschranks als solcher auch nicht beschrieben werden kann, es sei denn durch eine weitere Konstruktion, so kann die Weise, in der verschiedene politische Konstruktionen verfahren, sehr wohl beschrieben werden. Diese Konstruktionen verfahren nämlich nicht beliebig und allmächtig, sondern ihre Möglichkeiten werden beschränkt durch andere, gegenläufige Konstruktionen - sowie durch ungleich verteilte Machtressourcen. Da eine bestimmte Version der Vergangenheit also nicht nach Belieben verordnet werden kann, da also niemand die ultimative Definitionshoheit besitzt, muss sich jede Version gegen andere durchsetzen. Konstruktionen verfahren somit notwendigerweise strategisch, und die Strategien sind - zum Beispiel durch eine hegemonietheoretisch informierte Diskursanalyse - beschreibbar. Die verschiedenen parteiischen und manchmal parteipolitischen Vergangenheiten entstehen in und durch das strategische Gegenhandeln verschiedenster politischer Kräfte und werden, wenn es strategisch-taktisch not tut, revidiert oder der veränderten Situation angepasst. Eine dieser Strategien, die für das gestellte Thema Relevanz hat, ist die Konstruktion von Stille. Man sieht schon, dass, wenn man das gerade grob umrissene Framing einer fortschrittlichen Gedächtnistheorie akzeptiert, Stille nicht einfach die Abwesenheit von Erinnerung, nicht einfach das Aussetzen der Konstruktionsleistung bedeuten kann. Vielmehr muß Stille selbst das Ergebnis einer Konstruktion sein, in gewissem Sinn sogar der Sieg einer bestimmten Konstruktion. Zum Beispiel der vorübergehende Sieg einer bestimmten Vergangenheitsversion, der es gelungen ist, andere, alternative Versionen an den Rand (in die Stille) zu drängen, zu überschreiben und auszucanceln, sie "stillzulegen".6 Stille herrscht dort, wo die "Stilllegung" des gegnerischen Diskurses gelungen ist. Das Beispiel, das derzeit auf der Hand liegt, wenn es sich auch nur mittelbar, wie wir noch sehen werden, auf die Vergangenheit bezieht und viel unmittelbarer auf die Gegenwart, ist jenes der sogenannten EU-Sanktionen. Hier ist es ÖVP und FPÖ - mithilfe der Medien - gelungen, ihre Sprachregelungen und damit ihre Realitätsversion von den "ungerechten und übertriebenen" Sanktionen durchzusetzen, und zwar so weitgehend, dass sie sogar von der Opposition übernommen wurde. Damit wurde die konkurrierende politische Position, die einen bilateralen diplomatischen Boykott eben nicht als "ungerecht und übertrieben", sondern als durchaus "gerecht und angemessen" definiert, in der breiteren - zumindest medialen - Öffentlichkeit effektiv zum Schweigen verurteilt: Die Realitätsversion von FPÖ und ÖVP wurde durchgesetzt und allseits - mit erstaunlich geringem Widerstand übrigens - übernommen. Der Rest ist Stille. Die nahezu archetypische Version der Konstruktion von Stille - in Bezug auf unliebsame Vergangenheiten - ist die bekannte "Verdrängung" (hier im trivialen und weniger im psychoanalytischen Sinn verstanden). Umgangssprachlich wird zumeist gar nicht oder kaum zwischen den beiden diskursiven Strategien von Verdrängung und Verleugnung unterschieden. Der Unterschied zwischen Verdrängung einerseits und Verleugnung andererseits besteht aber darin, dass letztere auf die gegnerische Konstruktion immerhin noch eingeht, wenn auch abwehrend, verneinend oder denunzierend. In der Verleugnung wird das Verleugnete noch genannt und es damit im Diskurs gehalten. Verdrängung dagegen geht auf gar nichts mehr ein, sondern überschreibt die Gegenposition mit einem ganz anderen, bezugslosen Diskurs oder mit dem Diskurs des Schweigens. Im Prozess der Verdrängung rückt also etwas bezugslos anderes in die Rolle dessen ein, was eigentlicher Gegenstand der Verdrängung ist. Im Verdrängungsdiskurs wird es still um das jeweils Verdrängte, weil es von etwas bezugslos anderem überdeckt wird: Entweder von Krach oder schlicht von Schweigen. Krach und Schweigen sind Konstruktionen von Stille, die sozusagen an den gegenüberliegenden Enden einer Skala liegen, die Verdrängungsdiskursen zu Verfügung steht: Zum einen kann etwas durch einen Wortschwall verdrängt und damit ersetzt werden, durch Hyperproduktion von Ablenkungsdiskursen oder durch die endlose rituelle Wiederholung ein- und derselben Ablenkungsformel. Zum anderen kann etwas durch einfache Nicht-Beachtung oder Nicht-Reaktion, also vulgo durch Totschweigen, ersetzt werden. Der Begriff Totschweigen hat dabei den Vorteil nochmals anzuzeigen, dass dieses Schweigen - als Konstruktion von Stille - eine aktive Handlung ist, eine Form sprachlichen Totschlags. In beiden Methoden - Krach und Schweigen - hat Wolfgang Schüssel eine gewisse Meisterschaft entwickelt: Was der ÖVP nicht passt, wird entweder radikal niedergeredet oder radikal weggeschwiegen. Nehmen wir die Rede Gusenbauers zu den Schattenseiten der Vergangenheit der SPÖ.7 Gusenbauer "bekennt" sich zu einer bestimmten Vergangenheit, um die es bislang still war. Das tut er aber nicht (nur) der "historischen Wahrheit" zuliebe (es gibt auch genug "Auslassungen" in dieser Rede), sondern er tut es mit gewissen strategischen Absichten, unter anderem der Absicht, die ÖVP ihrerseits unter Zugzwang zu setzen und zum Reden zu bringen. Die Antwort Schüssels auf den Gusenbauer-Vorstoß war: keine Antwort. Schweigen. Keine Antwort bekanntlich auch auf Provokationen des eigenen Bündnispartners FPÖ: Alles, was die ÖVP in eine offene Auseinandersetzung um z.B. die Werte, bzw. die Verletzung der Werte, die in der Regierungspräambel unterzeichnet wurden, verstricken könnte, wird nicht kommentiert. Wenn man bedenkt, dass sich die ÖVP hier auf einem wahren Minenfeld bewegt, dann wird um so deutlicher, wie sehr Schüssel nicht einfach "nichts sagt", sondern eine Akrobatik des Schweigens entwickelt hat, die konkurrierende Diskurse aus dem Feld schlägt, indem sie sie wegschweigt. Dass die ÖVP damit durchkommt, dass das Schweigen tatsächlich in einem Sieg der Stille endet, belegt, dass der Diskurs der ÖVP/FPÖ derzeit in Österreich hegemonial ist. Dass Gusenbauers Vorstoß einfach ignoriert werden kann, belegt umgekehrt, dass die SPÖ ihre Definitionsmacht in Bezug auf das politische Geschehen verloren hat. Man könnte auch sagen: Wer über die Stille verfügt, wer ungestraft schweigen kann (d.h. immer auch: alternative Diskurse ver- und wegschweigen kann), der verfügt über die Macht (sprich: Hegemonie). Dieselbe Akrobatik, die sie im Schweigen entwickelt haben, haben Schüssel und seine ÖVP in der Methode des Krachschlagens entwickelt, dem Komplement des Schweigens. Der Vergangenheitskonstruktion der EU-14 - die, worauf ich gleich kommen werde, die ÖVP an die negative Grundlegung Nachkriegseuropas auf der Erfahrung des Dritten Reiches erinnern wollen -, dieser Vergangenheitskonstruktion8 weicht die ÖVP mithilfe eines Schwalls an nationalistischer Propaganda aus, die das Problem von einer Frage der Grundlegung der europäischen Gemeinschaft- und zwar qua aktiver Erinnerung des Holocaust - verschiebt hin zu einer Frage der nationalen Ehre - und zwar qua aktiver Verwerfung dieser Frage als Frage. Das heißt: Auf diese Frage der EU-14, auf welchen Werten und unter Bezugnahme auf welche Vergangenheit und Erinnerung die europäische Gemeinschaft gebaut sein soll, wird von der Haider/Schüssel-Regierung nicht eingegangen. Es sei denn, man liest den chauvinistischen Krach, den ÖVP und FPÖ schlagen, als Antwort auf diese Frage, und dann sind es offenbar die Werte des Nationalismus und der patriotischen Verblödung, die der Regierung als Grundlage Europas vorschweben. Wahrscheinlicher ist aber, dass ÖVP und FPÖ die Frage nach der Grundlegung Europas als solche, d.h. als Frage verwerfen. Nicht nur, dass sie die inhaltliche Kritik der EU an der Einbeziehung der FPÖ - und dessen, wofür die FPÖ steht - verdrängen, überdecken und wegschweigen, sie verwerfen auch noch den Grund dieser Kritik, der zugleich die Grundlage Nachkriegseuropas ist: Es ist nämlich so (zumindest in der optimistischen Lesart), als hätte sich Europa Adornos Reformulierung des kategorischen Imperativs (oder einer "negativ formulierten" Variante davon) angeschlossen, nämlich so zu handeln, dass eine Wiederholung von Auschwitz unmöglich sei.9 Das Ziel der Verunmöglichung einer bestimmten Vergangenheit - jener der Verbrechen des Nationalsozialismus - erreicht damit den gründenden Status der Ermöglichungsbedingung demokratischer Gegenwart. "Negativ" ist diese Grundlegung, weil sie nicht auf einem positiven Ideal, einem glorreichen Prinzip, einer brüderlichen Versöhnung oder einer heldenhaften Vergangenheit beruht, sondern auf einer Art Abgrund, für den metonymisch der Name Auschwitz steht: Ein Abgrund, der nichtsdestoweniger zum Grund der europäischen Nachkriegsordnung (und darin vor allem der Stillstellung deutscher Großmachtsambitionen) wurde. "Negativ" ist diese Grundlegung aber auch, weil sich aus ihr kaum positive policies, ausführliche politische Programme oder Richtungsentscheidungen ableiten lassen. Oder einfacher gesagt: Es lässt sich nicht ableiten, wie Europa politisch genau auszusehen hätte. Es lässt sich nicht mit arithmetischer Genauigkeit ableiten, was politisch nun genau zu tun sei, aber es lässt sich sehr wohl ableiten, was man nicht tut: Man nimmt zum Beispiel keine rassistischen Parteien der extremen Rechten in die Regierung auf - und keine Parteien, die sich in irgendeiner Weise positiv auf den Nazismus beziehen. Die Funktion dieser negativen Grundlage ist sozusagen die eines Sperrriegels gegenüber solchen Entwicklungen. Damit komme ich zur Schlussthese: Das lasche und nachsichtsvolle Verhältnis Österreichs und der österreichischen Politik gegenüber krypto-nazistischen Diskursen wurzelt genau in Österreichs Verhältnis zu diesem negativen Grund. Mehr noch: Die Normalisierung der FPÖ und die Verdrängung der europäischen Kritik war der Haider/Schüssel-Regierung nur deshalb mit dieser Leichtigkeit möglich, weil sich Österreich von Anfang an außerhalb der europäischen Gründungserzählung befand. Ich würde sogar weitergehen und sagen, die österreichische Gründungserzählung ist genau gegenläufig zur europäischen. Es handelt sich bei ihr um einen Diskurs, der demselben Ort, der Europa als negative Grundlage gilt, eine positive Wendung gibt: dem KZ nämlich. Denn auch die Gründung Nachkriegsösterreichs ist im KZ lokalisiert, aber in einer ganz anderen Version des KZ's. Der österreichische Gründungsmythos - der Mythos vom Handschlag auf der Lagerstraße - besagt, dass sich die ehemals verfeindeten Bürgerkriegsparteien, Sozialdemokraten und Christlichsoziale, auf ebendieser Lagerstraße die Hand zur Versöhnung ausgestreckt und anschließend gemeinsam Österreich wiederaufgebaut hätten. Damit wird das KZ, das in Deutschland und für den Rest Europas ein Ort der Vernichtung ist, in Österreich zum Ort der Versöhnung. Der Ort der negativen Gründung ist für Österreich der Ort seiner positiven Gründung: Einer versöhnlerischen Erzählung, die einer Kultur der Konfliktvermeidung und der Ideologie der Sozialpartnerschaft zugrunde liegt. Auf dieser Kultur kann auch eine anti-sozialpartnerschaftliche Regierung wie die jetzige noch aufbauen. Voraussetzung ist aber, dass sie der Konfrontation mit der europäischen Gründungserzählung nicht nur ausweicht, sondern die Frage der "negativen Grundlegung", wie sie beschrieben wurde, als solche verwirft. Die Verwerfung dieser Frage - nicht etwa nur die Verdrängung des Holocaust, sondern die Verwerfung10 seiner negativ gründen Funktion für Europa - ist die Geschäftsgrundlage dieser Regierung. Daher ist es notwendig, die Regierung - wie Österreich - immer aufs Neue mit dieser Frage als Frage zu konfrontieren. 1 Daran ist an sich nichts neu. Der locus classicus dieses Konzepts stammt aus den 20er Jahren und ist Maurice Halbwachs: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, FfM (Suhrkamp) 1985. 2 Sh. Aleida Assmann: Cultural Studies and Historical Memories, in Bundeministreium für Wissenschaft und Verkehr und Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften (Hg.): The Contemporary Study of Culture, Wien (Turia + Kant) 1999 3 Womit zugleich gesagt ist, dass sozialer Konstruktivismus allein noch kein ausreichendes Merkmal für politisch fortschrittliche Gedächtnisstudien ist. 4 Statistiken, denzufolge jede/r dritte in seiner Kindheit vergewaltigt wurde, sind daher prä-freudianisch (und prä-konstruktivistisch), insofern sie jede Konstruktion von Wirklichkeit auf ein reales Ereignis zurückführen. 5 Was keineswegs bedeutet, die tatsächliche "Existenz" bestimmter Ereignisse abzustreiten, sondern nur die Behauptung einschließt, dass ein Ereignis in seiner platten Existenz nicht anders zugänglich ist als über eine jeweils spezifische Perspektive. (Und wie in der Systemtheorie ist auch hier jede Beobachtung zugleich eine Konstruktion des Beobachteten). 6 Diese Funktion von Politik lässt sich - nach Laclau - auch als "Politik als Konstruktion des Undenkbaren" bezeichnen. Sh. dazu auch Oliver Marchart (Hsg.): Das Undarstellbare der Politik. Zur Hegemonietheorie Ernesto Laclaus, Wien (Turia + Kant) 1998. 7 Diese Rede war ein typisches Exponat eines Genres, das ich "Bekenntnisdiskurs" nenne und das das Komplement zu Verleugnungsdiskursen darstellt. 8 Die politisch eine Konstruktion ist wie jede andere, wenn sie auch gründenden Status erreicht hat. 9 Die negativ formulierte Variante würde lauten: Von allem abzusehen, was Auschwitz wieder möglich machen würde. 10 Die konzeptuelle Differenzierung zwischen Verdrängung und Verwerfung borge ich mir von Zizek aus, der sie sich von Lacan ausborgt, der sie sich von Freud ausborgt. Auf unser Problem übersetzt lässt sich der Unterschied wie folgt festmachen: Im Unterschied zur Verdrängung betrifft die Verwerfung nicht einen bestimmten Inhalt, sondern die Ermöglichungsbedingung eines Diskurses, einer Gemeinschaft selbst: d.h. ihre gründende Dimension. Eveline List Die Wiederholung frißt die Erinnerung. Die Wiederholung frißt die Erinnerung - Ein lauter Vorgang, der keine Stille verträgt. Wenn die Wiederholung die Erinnerung verschlingt, hat Gedächtnis keinen Raum, weil die Vergangenheit sich als unmittelbare Gegenwart präsentiert und nur das Immergleiche die Masken wechselt. Im Zustand solcherart verschwimmender Grenzen ist Identität beliebig und unsicher. Versuchen wir diesen Zustand als Symptom zu verstehen. Sigmund Freud entwarf ein Genrebild der Wiener Jahrhundertwende um jenen Vorgang zu illustrieren, den er Verdrängung nannte und der Erinnerung verhindert und in der Folge oft Symptome befördert als Ersatz für das, was unterbleiben sollte: "Wir setzen .... das System des Unbewußten einem großen Vorraum gleich, in dem sich die seelischen Regungen wie Einzelwesen tummeln. An diesen Vorraum schließe sich ein zweiter, engerer, eine Art Salon, in welchem auch das Bewußtsein verweilt. Aber an der Schwelle zwischen den beiden Räumlichkeiten walte ein Wächter seines Amtes, der die einzelnen Seelenregungen mustert, zensuriert und sie nicht in den Salon einläßt, wenn sie sein Mißfallen erregen. ... ob der Wächter eine einzelne Regung bereits von der Schwelle abweist, oder ob er sie wieder über sie hinausweist, nachdem sie in den Salon eingetreten ist(:) Es handelt sich dabei nur um den Grad seiner Wachsamkeit und um sein frühzeitiges Erkennen. .... Die Regungen im Vorraum des Unbewußten sind dem Blick des Bewußtseins, das sich ja im anderen Raum befindet, entzogen; sie müssen zunächst unbewußt bleiben." (Gesammelte Werke B.XI, S.303f) Die beiden Räume sind Orte ganz unterschiedlicher Ordnung. Der Übergang vom Vorraum in den Salon hängt in der Regel an der Wahrnehmung dieses Unterschieds und an der Fähigkeit ihn auszuhalten. Das Ertragen der dabei aufkommenden Frustration steht am Anfang jedes Gedankens. Ein Übergang vom einen in den anderen Raum bedeutet auch die Unterordnung unter die jeweils herrschenden Organisationsprinzipien. Die effektive Schwierigkeit oder relative Leichtigkeit des Übertritts hängt einerseits am Ausmaß der antagonistischen Differenz zwischen den beiden Systemen und andererseits an der Strenge des Wächters, die freilich nicht unabhängig von den Raumverhältnissen ist. Wie also kommt ein Symptom zustande? Im Vorraum des feinen Salons könnten etwa die gierige Freßlust, oder die triumphierende Zerstörungswut sich in die Nähe des Wächters verirren und nachhaltig Zutritt begehren. Der Wächter trete diesen für den Salon gefährlichen Regungen dann entgegen, je nach Bedarf etwa bewaffnet mit der ursprünglich physischen Gewalt der archaischen Autorität, sodaß beispielsweise in der Abwehr der unbewußten Freßlust ein starkes Würgegefühl entstehe, welches den Durchbruch der triebhaften Wunscherfüllung unmöglich machte ehe die Regung noch das Bewußtsein erreichen konnte. Der Wächter könnte auch mit der Macht des Tabus, oder mit der Androhung von Schuldgefühls und Schamangst operieren. Die noble Gesellschaft nehme dies vielleicht gar nicht wahr, oder bemerkte nur eine leichte Irritation, wendete sich vom Eingang ab, um sich dann möglicherweise am anderen Ende des Raums umso intensiver ihrer feinziselierten Unterhaltung zu widmen. Es könnte freilich, wenn es dem Wächter nicht gelingt der Triebkraft des Eindringlings zu widerstehen, oder wenn dieser vielleicht sogar bestechlich ist, auch dazu kommen, daß die grobschlächtigen Wünsche an die Schwelle treten und diese sogar überschreiten mit leicht vorstellbaren Folgen für das elegante Buffet. Denkbar wäre gegebenenfalls auch eine Situation, wo die feinen Herrschaften sich ihrer historischen Herkunft bewußter würden und Erinnerung hätten an die Macht der Gier. Sie würden untereinander ein Gespräch darüber beginnen, sich dem Störenfried zuwenden, sodaß an der Schwelle ein Verzögerungs- und Verständigungsprozeß stattfände, infolgedessen der Eindringling gezähmt und abgelenkt werden könnte, etwa in der Art, daß es ihm möglich würde ohne Totschlag und Devastierung satt zu werden. Dafür müßte eventuell die Gesellschaft es ertragen ihn rülpsend und schmatzend, vielleicht auch mit den Händen essen zu sehen, ehe elegantere Formen vermittelbar würden. Dies könnte der Gesellschaft umso eher gelingen, je sicherer und flexibler sie ihre noblen Formen etabliert hat. Das Symptom ist also ein Ersatz für etwas, was durch die Verdrängung vom Bewußtsein ausgesperrt wurde. Die gründliche Analyse eines bestimmten Symptoms führt regelmäßig zu den Befriedigungsabsichten intimster triebhafter Wünsche und erweist sich als Kompromiß zwischen dem verpönten sinnlichen Impuls und der konkreten persönlichen und kulturellen Realität. Die gesellschaftlichen Implikationen in Freuds Metaphorik sind nicht zu übersehen und die weiter oben entwickelte sozialromantische Utopie ist natürlich eine Verdichtung jenes Zivilisationsprozesses, den er in skeptischer Zuversicht als kulturell und individuell immer neu zu vollziehende Entwicklung veranschlagt hat. Der Salon Österreich hat sich im vergangenen halben Jahrhundert als Insel der Seligen empfohlen, wo die traditionell Mächtigen im Gehäuse der 'demokratischen Republik' die ökonomische Grundlage so sicher ausbauten, daß dabei auch noch reichlich Almosen, etwa in Form sogenannter 'Sozialleistungen' abfielen. Wie stets in Perioden unangefochtener Herrschaft, leistete sich die Salongesellschaft auch lange Zeit den Luxus der Toleranz in Form relativer Integrationsbereitschaft gegenüber jenen Gruppen, die nicht den traditionell Mächtigen angehörten, solang sie ihnen dienlich waren. In diesem Ambiente blühte auf der Grundlage der konsensualen Verdrängung effektiver historischer Inhalte der die Österreichische Deckidentität stiftende Mythos vom Opfer mit großer Vergangenheit. Dies war ein Neuaufguß des katholischen Habsburgermythos, welcher sich zwischen barocker Herrschaftspracht und biedermeierlichem Autoritarismus bewegt und bekömmlicher gemacht wird durch Ernst Marischka-Legenden und verzuckerten Johann Strauß. Die einigende moralische Grundlage lieferte das sich entrüstet zeigende Schweigen über die Zeit zwischen 1933 und 1945, was die Idealisierung der vorrepublikanischen Vergangenheit nur verstärkte. Die Wächterrolle übernahmen 1945 zunächst die Befreiungsmächte, dann in ambivalenter Weise die staatsgründenden Parteien und die Institutionen der Sozialpartnerschaft. Der Staatsvertrag und mit ihm verbundene Gesetze, sowie die gedemütigte und ängstliche Tabuisierung der jüngsten Vergangenheit wirkten lange und intensiv gegen eine bewußte Auseinandersetzung, wodurch freilich auch das geschehene Unrecht unverändert aufrechterhalten bleiben konnte. Die gesellschaftlich-politischen Wächterfunktionen, wie sie in Gesetzgebung, Judikatur und Verwaltung wahrgenommen werden müssen um unklare intrapsychische Grenzen bei den Einzelnen zu unterstützen, wurden weitgehend vernachlässigt. Im Vorraum fand sich nicht nur das gesamte sexuelle und destruktive Reservoir des Verschlingens, Zerfleischens, Raubens, Vergewaltigens und sonstiger triebhafter Potentiale sondern, sozusagen an der Schwelle zum Salon, insbesondere auch deren konkrete historisch-gesellschaftliche Ausprägungen. Auf dem Bodensatz von Protestanten- und Jakobinerverfolgung, von Leibeigenschaft, Juden- und Hexenverbrennung lagerte das planmäßige Vernichten, Morden, Brandschatzen und die ganze Vielfalt destruktiver Willkür. Dort lauerten die rund 700.000 NSDAP- und über 20 000 SS-Mitglieder und ihre Helfer in den 'antifaschistischen' Parteien, denen sie nach 1945 ihren neuerlichen Aufstieg in die höchsten Ebenen der Macht verdankten. Dorthin hatte man auch die klerikalfaschistischen Zerstörer der Ersten Republik und die sozialdemokratischen Ja-zum Anschluß-Stimmen verbannt, wie auch die unzähligen eigennützigen Liebedienereien bei Nazis und Alliierten. Die auf dieser verdrängten und verleugneten Grundlage hatte die scheinbar so zivilisierte Ruhe etwa eine Generation lang Bestand. Genaugenommen bis zum politischen Mord bei den Anti-Borodajkewycz-Demonstrationen und zu den Gewalttätigkeiten gegen zweisprachige Ortstafeln. Die Abkömmlinge der ausgesperrten Vorstellungen, deren Träger ein Teil der Nachkriegsgeneration wurde, verschafften sich Eingang in den Salon. Mit ihrem Auftreten mußte die feine Gesellschaft ihre Strategien der Herrschaft reorganisieren. Letztlich vertraute sie erfolgreich auf das in Österreich seit Jahrhunderten traditionelle Muster der Vereinnahmung der Kritiker im Dienste der Stabilisierung des Bestehenden. Ein Boom von Jungkarrieren setzte ein, man adaptierte die ausgeleierten Institutionen und sicherte so die Aufrechterhaltung der Salongesellschaft, ohne sich den Leichenbergen in Keller stellen zu müssen. Im Zuge dieser Befriedung wurden nun die Kinder der ehemaligen Nazis ebenso eingekauft wie 1945 ihre Eltern. Dabei hielt sich lange die Vorstellung, der Antagonismus zwischen Vorzimmer und Salon sei schwächer geworden, mehr der ausgesperrten Inhalte könnten sich der Schwelle nähern ohne Gefahr zu bedeuten, weil eine Art reflexiver gesellschaftlicher Selbstbeschränkung im Salon selbst sichernd wirkte. Dies erwies sich spätestens dann als Irrtum, als es zu einer drastischen Symptombildung mit nachhaltigen Folgen kam. Das Symptom hatte die Gestalt eines Pferdes, an welches sich niemand erinnern wollte und das im Galopp scheinbar sicher Zäune niederriß. In seinem Schlepptau brach auch umgehend der bis dahin relativ verpönte Antisemitismus wieder in den Salon. Das notorische Nicht-Wissen-Wollen wurde weiter an die nächste Generation vererbt. Dabei gedachte man freilich nicht der Wiederkehr des Verdrängten. Wie so häufig verloren die Herrschenden einen Teil der Realität aus dem Blick. Das historisch kolorierte Genrebild, so mußte festgestellt werden, betont dummerweise eine einseitige Perspektive vom Standpunkt des Salons, und legt irrtümlich nahe, der gierige Vielfraß im Vorzimmer warte nur auf das wohlwollende Entgegenkommen der etablierten Gesellschaft um sich willig seiner Domestizierung zu unterziehen und ein harmloser Salonlöwe zu werden. Dieser eingeschränkte Blick ist selbst eine logische Konsequenz der gewählten Verdrängungsstrategie und führte zu weiterer Symptombildung viel komplizierterer Art. Es herrschte nach 1945 im Salon-Österreich ein durch internationale Rechts- und Machtverhältnisse zwangsbewehrter Scheinkonsens darüber, daß alle Erinnerung an die gescheiterte Nazigeschichte aus dem Salon ausgeschlossen bleiben sollte. Es herrschte, wie bereits erwähnt, kein Konsens über den Ausschluß der Nazis; diese waren vielmehr willkommen, sofern sie nur bereit waren sich diesem Scheinkonsens gemäß zu verhalten. Um dies zu erleichtern, mußten auch die Unbeirrten aus dem Bewußtsein ausgeschlossen bleiben. In der allgemeinen Konfusion aus Angst, Wut, Elend, Feigheit und verwandten Gefühlsstürmen und den dadurch eingeschränkten mentalen Kapazitäten, war ein Nachdenken und erst gar ein Sprechen über die psychosoziale Situation der passionierten Hitlertreuen unmöglich. Natürlich waren vorerst jedenfalls der Haß auf die Peiniger, der Schmerz über die Verluste und/oder der Zwang zur Ent-Identifizierung von den grandiosen Herrenmenschen viel zu mächtig, um dererlei Überlegungen zuzulassen. Dieses Segment der Vorzimmergesellschaft organisierte sich weitgehend unbehelligt und in defensivem Zusammenschluß gegen die Salonbewohner. Seine Geschichte war gekennzeichnet von dramatischen Auf- und Abstiegen und viele sahen sich - oft nicht zum erstenmal - zu einer Art Doppelleben gezwungen, was den Hang zur heldischen Verklärung nur beförderte. Sie lebten gewissermaßen als die einzig wahren Gerechten, treu zum Führer und ohne 'opportunistische' Persilscheine von ÖVP, SPÖ oder KPÖ. Der Sozialisationsprozeß der Kinder dieser historisch entwerteten und heroisierten Eltern war, so ist anzunehmen, ein komplizierter und extrem aufwendiger Kampf mit widersprüchlichen Normen, Wertvorstellungen, Selbstbildern, prekären Sicherheiten und ambivalenten Autoritäten. Sein Ausgang konnte entweder zu einer Zerstörung der Eltern, oder zu einer Selbstzerstörung, oder zum Versuch der Gesellschaftszerstörung führen. Viele solche Entwicklungen sind bekannt. Es gibt aber noch einen weiteren Weg die Schamangst und den quälenden Haß auf die Salongesellschaft und die drängende Sehnsucht ihr anzugehören zu vereinen. Es ist dies der Versuch den Salon zu erobern, ohne den Vorraum zu verlassen. Die Schwierigkeiten dabei sind leicht zu erraten. Es gilt zunächst den Wächter außer Kraft zu setzen und weiters den Habitus des Salons ausreichend gut nachzuahmen, um dort verkehren zu können. Schließlich bedarf es psychosozialer Mechanismen, welche die Angst eindämmen und die drohenden Entfremdungsschübe im Hin und Her zwischen den antagonistischen Räumen in Schach halten. Diese Dynamik ist ebenso aufwendigen wie lustverheißenden. In der Überwältigung des Wächters in immer neuer Maske wird die Wut auf den entwerteten Vaters ebenso lebbar, wie die Rache an den sozialen Beschränkungen. Alkohol und Massenveranstaltungen sind dabei nicht zu unterschätzende Hilfen. Die Transgression selbst wird zum sportlichen Wettkampf und zuletzt bleibt die triumphale Außerkraftsetzung aller Grenzen und Normen, die Abschaffung aller Differenz und allen Andersseins die höchste Lustprämie. Sich ihrer zu versichern, dem Anderssein nie zu begegnen verlangt die beständige Wiederholung der Transgression in immer neuer Maske. Es wird nun möglich, in gieriger Freßlust sich im Salon zu bewegen, die feinen Herrschaften zu beißen, ihnen in die Suppe zu spucken und die Delikatessen vom Teller zu stehlen, sie zu besudeln, sie anzurotzen, kurz alles triebhafte auszuleben, solange die Maske den Anschein der gängigen Formen bewahrt. Es ist ein sinnlich-affektives Geschehen; auch wo scheinbar gesprochen wird, wird eigentlich agiert. Die motoroisch-mimetische Abfuhr bestimmt auch noch den geringsten Nebensatz. Es ist ein Agieren und Sprechen, das ausschließlich auf Bemächtigung und triumphale Bestätigung aus ist. Es zählt einzig der Augenblick: Keine Geschichte, kein Gedächtnis, die Identität besteht im Erfolg und zerfällt mit dem Mißerfolg. Alles funktioniert nach dem 'als ob', wo die gelungene schützenden Verkleidung gleichermaßen als Bestätigung der Allmacht, wie zur Maskierung der destruktiven Angriffe dient. Im Gespräch entsteht daher zumeist kein Gespräch, sondern eine krasse Dissonanz zwischen transportierten affektiven Inhalten und den tatsächlich formulierten Wörtern. Das bringt das jeweilige Gegenüber leicht in eine Situation hilfloser Ohnmacht, weil die subtile Kraft symbolischer Kommunikation dem Einbruch der affektiven Attacken nicht gewachsen ist, was umgehend wieder als Sieg des Vorraums im Salon verbucht wird. Unter den Salonmenschen mobilisiert dieses Agieren vor allem Angst und Wut, die häufig mit Distanzierung und Geringschätzung über die Schwelle verbannt werden. Einzelne unter ihnen, auch ganze Gruppen, fühlen sich aber auch angezogen von den triumphalen Auftritten. Unter ihnen sind viele entfernte Verwandte des maskierten Eindringlings, vor allem die Kinder jener ehemaliger Gesinnungsgenossen seiner Eltern, die schon viel früher den Passierschein zum Salon gewählt hatten. Es werden erstaunliche Gemeinsamkeiten entdeckt, die primäre Sozialisation setzt sich durch, man verständigt sich auf elementarer Ebene und umgeht die Mühen der auszuhaltenden Frustration und der Erinnerung als Voraussetzung des Denkens über sich. Die Sager und Macher fühlen sich gemeinsam stark und machen sich laut ans Wiederholen. Max Schneider Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes Heribert Schiedel Erinnerung, Gedächtnis, Archiv. Droht unzeitgemäßer Wissenschaft das Aus? Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), eine überparteiliche, von der Republik und der Stadt Wien maßgeblich finanzierte Einrichtung zur Erforschung des Nationalsozialismus und Rechtsextremismus, äußerte wiederholt die Sorge über eine Regierungsbeteiligung der FPÖ. Neben den allgemeinen gesellschaftlichen Auswirkungen wird diese für uns als kritische WissenschafterInnen wohl auch unmittelbar Folgen haben. Es ist - den wohltönenden Bekenntnissen der von Bundespräsident Klestil reklamierten Präambel zur Regierungserklärung zum Trotz - zu befürchten, dass es um eine systematische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Herrschaft und ihrer Verbrechen in einer "Dritten Republik" grundsätzlich nicht gut bestellt ist. Haider, dessen aggressiv-abwehrende Haltung gegenüber der Einsicht in den verbrecherischen Charakter des NS-Regimes nicht zuletzt von uns ausführlich dokumentiert wurde, reagierte in der Bewegungsphase mit Diffamierungen all jener, die das (Selbst)Bild der ÖsterreicherInnen als kollektives Opfer korrigieren wollten. Diesbezüglich unbequeme HistorikerInnen wurden in seinen Reden zu "Kommunisten", "Geschichtsfälschern", "Österreichbeschimpfern" und "Denunzianten". 1990 prophezeite Haider vor ehemaligen Wehrmachtssoldaten und Waffen-SS-Männern: "Es wird die Zeit kommen, wo solche Historiker nicht mehr zeitgemäß sind." Ein Jahr später wiederholte er seine Drohung: "Für Geschichtsfälscher und Österreichbeschimpfer muß die Zeit ein Ende haben." Nachdem mit dem Psychoanalytiker Erwin Ringel ein derartiger "Österreichbeschimpfer" 1990 in Kärnten Opfer eines tätlichen Angriffes durch einen aufgeputschten Fanatiker geworden war, meinte Haider: "Wenn jemand in Kärnten solch dummes Zeug redet, muß er darauf gefaßt sein, so behandelt zu werden." Bezeichnen WissenschafterInnen die FPÖ und Haider als das, was sie sind, werden sie vor Gericht gezerrt. Gerade in jüngster Zeit wurden FPÖ-KritikerInnen zunehmend mit Klagen eingedeckt. Unabhängig vom Ausgang der jeweiligen Verfahren, dient dies vor allem der Einschüchterung. So entscheiden nun die Gerichte, ob und inwieweit Haider und die Seinen als antisemitisch zu bezeichnen sind: DÖW-Leiter Wolfgang Neugebauer wurde vom damaligen FPÖ-Obmann geklagt, weil er ihm einen "Antisemitismus der besonders perfiden Art" attestiert hatte. Neugebauers Einschätzung basierte auf Haiders Abwehr der Kritik aus Israel. Unmittelbar nach den Nationalratswahlen vom Oktober 1999 bezeichnete der siegreiche Agitator diese als "hysterische Akte", welche den jüdischen Bürgern in ganz Europa schaden würden. "In einer zivilisierten Welt", so Haider weiter, "agiert man nicht mit Drohungen, sondern setzt sich bei Meinungsverschiedenheiten an den Verhandlungstisch." Haiders Wortmeldung gipfelte im antisemitischen Standardsatz, wonach die Juden und Jüdinnen an ihrer Verfolgung selbst schuld seien: "Es gibt genügend Leute, die sagen: 'Wir wissen jetzt, warum Antisemitismus entsteht.'" Auch Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, muß vor Gericht. Sein Vergehen bestand darin, auf das wachsende Aggressionspotential der AntisemitInnen rund um die letzte Nationalratswahl hinzuweisen: Mit der damaligen FP…-Agitation gegen "Überfremdung" hätten antisemitische Drohbriefe und Pöbeleien rapide zugenommen. Weil Muzicant dafür explizit die FP… verantwortlich machte, wurde er von Haider umgehend geklagt. Daneben gründeten die Opfer gewisser Kreise kurz nach Muzicants Hinweis auf den Charakter der FPÖ eine "Schutzgemeinschaft freiheitlicher Wählerinnen und Wähler" (SG). Dabei handle es sich um eine "Notwehrreaktion", welche "sich gegen die momentan in Österreich stattfindende Diffamierung und Hetze gegen die Freiheitliche Partei und deren Wähler richte." Die SG will sich "unsere Wähler, Mitglieder und Sympathisanten nicht länger psychisch und physisch diffamieren und abwatschen" lassen und sich dagegen "mit rechtsstaatlichen Mitteln wehren". Der damalige FPÖ-Generalsekretär Westenthaler behauptete öffentlich, dass nicht seine Truppe, sondern Muzicant "an der Schraube des Hasses" drehe. Ein FPÖ-Nationalrat und SG-Aktivist ging noch einen Schritt weiter und nannte Muzicants Kritik "übelsten NS-Jargon". Dass es sich demgegenüber bei den Freiheitlichen um die "Juden von heute" handelt, beklagte Haider schon vor Jahren. Die Täter-Opfer-Umkehr ist nicht nur strategisches Kalkül, sondern auch Ausdruck paranoider Aufrichtigkeit von denjenigen, die sich tatsächlich von Juden und Jüdinnen verfolgt wähnen. In ihrer Ablehnung der Arbeit des DÖW war FPÖ-PolitikerInnen schon in der Vergangenheit kein Vorwurf zu absurd, um nicht erhoben zu werden: Im auffälligen Gleichklang mit Neonazis nannten uns Freiheitliche "letzte Stalinorgel", "Fälschwerkstatt" oder "Stasi-Archiv". Darüber hinaus versuchte Haider sogar, uns in die Nähe des rechtsextremen Bombenterrors zu rücken. Wie zuvor im Fall der - von freiheitlichen Jungkadern begangenen - Schändung des jüdischen Friedhofes in Eisenstadt wurde versucht, die Anschläge einer anti-freiheitlichen "Verschwörung" mit Zentrum DÖW anzudichten. Auch für die angeblichen Sanktionen gegen Österreich soll das DÖW verantwortlich sein: So entlarvt Haiders kulturpolitischer Berater Andreas Mölzer in der Presse (29. 2. 2000) die dokumentarische Zusammenstellung einiger einschlägiger Aussagen von FPÖ-SpitzenpolitikerInnen, "welche ihren Ursprung im alten Wiener Rathaus in der Wipplingerstraße haben", als Grund für die heftigen Auslandsreaktionen. Wie stets bei Mölzer kommt der Vorwurf in der rhetorischen Figur der Verneinung daher: "Wer da von 'Agitation', oder gar Vernaderung des eigenen Landes redet, tut den aufrechten Kämpfern gegen den faschistischen Ungeist aus der Wipplingerstraße natürlich Unrecht." Mölzer vergleicht das Wirken des DÖW, der EU-Beobachtungsstelle für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und verschiedener antirassistischer Gruppen mit dem Robespierres und des Wohlfahrtsausschusses. Im Unterschied zum Christentum, welches Gnade und Vergebung kenne, arbeite "die mit Steuergeldern subventionierte Maschinerie des Dokumentationsarchivs ebenso effizient wie gnadenlos." Nicht Haider und die Seinen seien mit ihren Sprüchen für die Auslandskritik verantwortlich, sondern "der Computer in der Wipplingerstraße", der "listenweise böse Worte aus(spuckt)". Das DÖW dokumentiere nicht die Realität, sondern betreibe eine "Produktion virtueller Nazis am Fließband, aller Welt zur Nutzbarmachung." Inwieweit die FPÖ als Regierungspartei ihren Worten nun auch Taten folgen läßt, Haiders Prophezeiung von 1990 Wirklichkeit wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Begünstigend wirkt sich neben einer antiintellektuellen und erinnerungsabwehrenden Grundstimmung in weiten Teilen der Bevölkerung der Zustand der Staatsfinanzen aus. Mit dem Verweis auf die angespannte Budgetsituation braucht eine finanzielle Austrockung "nicht mehr zeitgemäß(er)" Wissenschaft nicht politisch argumentiert werden. Statt dessen kann sich eine Koalition unter FPÖ-Beteiligung in ihrer Verweigerung von Subventionszahlungen an Institutionen wie das DÖW auf "Sachzwänge" berufen. Erschwerend wirkt sich das internationale und fachliche Ansehen vieler derartiger wissenschaftlicher Einrichtungen aus. Gerade in der Anfangsphase wird die neue Regierung wohl versuchen, auf die Meinungen im Ausland Rücksicht zu nehmen und auf spektakuläre Einschnitte gerade in diesem Bereich verzichten. Bis zur totalen Machtübernahme wird die FPÖ auch hier auf die bewährte Salamitaktik setzen. Gegen das "antifaschistische Geschwätz" (Jörg Haider) an Österreichs Schulen Neben unzeitgemäßen WissenschafterInnen und Institutionen wie dem DÖW war und ist der FPÖ vor allem der kritische Zeitgeschichteunterricht und die politische Bildung ein Dorn im Auge. 1994 verlangte etwa der burgenländische FPÖ-Obmann Rauter, dass die Gratisvorführungen von "Schindlers Liste" für SchülerInnen gestoppt werden. Laut Rauter bekomme die Jugend durch den Film ein unrichtiges Geschichtsbild. Auch versuchen freiheitliche Politiker, kritische und engagierte LehrerInnen einzuschüchtern. In einer parlamentarischen Anfrage heißt es etwa 1995: "Am Bundesgymnasium Albertgasse 18-22 in 1090 Wien unterrichtet Frau Prof. H. (wird namentlich genannt, Anm.) in einer 4. Klasse Geschichte. Die Besprechung und Behandlung des Themenkomplexes Nationalsozialismus und Hitler soll Frau Prof. H. mehrfach dazu benützt haben, den Nationalsozialismus mit Jörg Haider zu vergleichen und in Beziehung zu setzen." Die zuständige Ministerin wird gefragt: "Werden sie disziplinarrechtliche Schritte gegen Frau Prof. H. einleiten?" In einer Plenardebatte im April 1995 schossen sich die beiden FPÖ-Hardliner Karl Schweitzer und Ewald Stadler auf die politische Bildung ein. Stadler verlangte vom damaligen Minister, er müßte dafür sorgen, "daß in den Schulen auch das Gute und Schöne unterrichtet wird und nicht Hetze betrieben wird." In der diesbezüglichen dringlichen Anfrage von Schweitzer wird behauptet, dass versucht werde, "die Schüler einseitig politisch zu indoktrinieren." Angeblich "schreckt man nicht mehr davor zurück, insbesondere gegen die Freiheitlichen direkt oder indirekt unter dem Deckmantel der 'Politischen Bildung' Stimmung zu machen." 1996 meinte der (konservative!) steirische Landesschulpräsident angesichts der FPÖ-Drohungen: "Die Lehrer trauen sich gar nicht mehr Zeitgeschichte oder Politik zu unterrichten, weil sie Angst vor einer Klage haben." Klangforum Wien Friedrich Cerha: aus 1. Keintate. (1982) für mittlere Stimme und Instrumente nach Gedichten und Sprüchen von Ernst Klein. Der Titel ist ein Amalgam aus 'Kantate' und dem Namen des Textautors Ernst Klein, dessen Bänden 'Wiener Panoptikum' und 'Wiener Grottenbahn' die vertonten Sprüche entnommen sind. Dass im letzten Abschnitt die musikalischen Elemente immer mehr verfremdet werden, Auflösungserscheinungen überhand nehmen und Delirium, Fatalismus und Tod dominieren, - uralte Themen in der Volkskunst und in der Kunst aus Wien -, macht das Stück im erhöhten Mass zum Dokument einer wesentlichen Schicht in der Mentalität in dieser Stadt. Bartolo Musil Stimme solo, Bernhard Zachhuber Cl1, Donna Wagner Molinari Cl2, Christoph Walder Hr1, Marco Treyer Hr2, Gunde Jäch-Micko Vl1, Sophie Schafleitner Vl2, Andrew Jezek Vla, Andreas Lindenbaum Vlc, Uli Fussenegger Cb, Georg Schulz Akk. Lukas Schiske Perc. 1. II/22 INTERMEZZO 2. II/17 Do sans maschiad
3. IV/36 De gmiadlichkeit
4. III/27 Daas ma oft de foam wexln
5. II/20 A glosaug miasd ma haum
6. III/32 Di schlechte zeid hod uns ned guad dau
7. IV/34 Fois se a fremda san
James Tenney: Having never written a note for percussion. (1971) für Solo-Tamtam. Das Stück besteht aus einem an der Hörgrenze beginnenden Ton, der sich in einem langen Crescendo bis zu einem weissen Rauschen von raumfüllender Dichte und Lautstärke steigert um von diesem Höhepunkt abwärts in einem ebensolangen Decrescendo wieder ins Nichts zu verschwinden. Lukas Schiske Tamtam. Oliver Marchart , Kulturwissenschafter, Lehrbeauftragter am Institut für Philosophie der Universität Wien. Autor von u.a. Das Ende des Josephinismus. Zur Politisierung der österreichischen Kulturpolitik (1999); Die Verkabelung von Mitteleuropa (1998), Neoismus. Avantgarde und Selbsthistorisierung (1997), Hsg. von Das Undarstellbare der Politik. Zur Hegemonietheorie Ernesto Laclaus (1998). Eveline List, Psychoanalytikerin und Sozialwissenschafterin in Wien. Max Schneider, geb. 1921 in Wien, im Mai 1939 Emigration nach England, Eltern, Bruder und andere Verwandte im KZ umgekommen, Internierung in Kanada, Rückkehr nach GB, 1943 Eintritt in die britische Armee, Einsatz in Nordfrankreich, Belgien, Holland und Deutschland, April 1945 schwer verwundet, Februar 1947 Rückkehr nach Österreich, seit Jahren als Zeitzeuge in Schulen tätig, Mitarbeiter des DÖW. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, (DÖW) wurde 1963 von ehemaligen WiderstandskämpferInnen und engagierten WissenschafterInnen mit dem Ziel der Archivierung und Aufbereitung des Wissens über die NS-Zeit gegründet. Zur Erforschung der NS-Verbrechen, des Widerstandes und des Exils kam ab Mitte der 70er Jahre die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus. Neben dem Archiv- und Bibliotheksbetrieb wird mittels Publikationen, Ausstellungen und Vorträgen versucht, diese Themenkomplexe einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Heribert Schiedel, geb. 1967, Politologe, Mitarbeiter im DÖW mit Schwerpunkt Rassismus- und Antisemitismusforschung, Vortragstätigkeit im Jugend- und Schulbereich. Klangforum Wien, 1985 von Beat Furrer als Solisten-Ensemble für zeitgenössische Musik gegründet. Ein demokratisches Forum mit einem Kern von 22 Mitgliedern. Zentral für das Selbstverständnis der MusikerInnen: die gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen Interpreten, Dirigenten und Komponisten, ein Miteinander-Arbeiten, das traditionell hierarchische Strukturen in der Musikpraxis ablöst. Weltweite Konzerttätigkeit mit über 80 Aufführungen pro Saison, Schwerpunkte sowohl in den grossen europäischen Musikzentren als auch in den USA und Japan. Die Musiker des Klangforum Wien haben am 16. 2. 2000 eine Erklärung verabschiedet, in der sie eine Regierungsbeteiligung der FPÖ ablehnen. (www.klangforum.at/haider.htm) Bartolo Musil, Sänger und Komponist. Als Konzert- und Opernsänger mit einem Repertoire vom Frühbarock bis zu experimentellem zeitgenössischen Musiktheater. Als Komponist hat er Auftragswerke für den Wiener Musikverein, das Wiener Konzerthaus, den Carinthischen Sommer und die Jeunesses Musicales verfasst. Lukas Schiske, geb. 1962 in Wien, spezialisierte sich nach seinem Studium auf zeitgenössische Musik und ist Gründungsmitglied des Klangforum Wien. 4. Stille, mit Dank an: Richard Ferkl, Boris Kopeinig, Graphische Kunstanstalt Otto Sares GmbH, Florian Müller, Steve Wilder |