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Körper. Veranstaltung am 5. Juli 2000 im Wiener Künstlerhaus. Elisabeth List Politisierung der Körper - Verkörperung von Politik. Das lähmende Gift der Normalisierung. "Der Nationalsozialismus", schrieb Stefan Zweig, "hat sich vorsichtig, in kleinen Dosen durchgesetzt - man hat immer ein bißchen gewartet, bis das Gewissen der Welt die nächste Dosis vertrug." Hier und heute geht es nicht um den Nationalsozialismus, sondern um den Zeitraum von fünf Monaten seit dem 4. Februar, an dem für Österreich eine neue, ganz andere Zukunft proklamiert wurde. Es geht um die kleinen Dosen an wirtschaftspolitischen und gesellschaftspolitischen Maßnahmen, in denen die an diesem Tag konstituierte Regierung dabei ist, die ökonomische, die politische und kulturelle Realität in eine schöne neue Welt der Tüchtigen und Anständigen im Boot des neoliberalen Turbokapitalismus umzubauen. Und es geht darum, wie wir darauf reagieren, im Klartext, warum der politische und intellektuelle Protest bedenkliche Symptome der Lähmung und der Resignation zeigt. Was ist geschehen mit Österreichs Bürgerinnen, in diesen fünf Monaten seit dem 4. Februar? Damals löste das rechtskonservative Regierungsbündnis, Ergebnis der letalen Verkrustung der schwarz-roten Koalition, spontanen Protest aus. Noch vor realpolitischen Einzelentscheidungen war allen klar, wohin der Weg Österreichs unter dieser Regierung gehen würde: In die Richtung unbarmherziger Rationalisierung des Staats nach den von der EU forcierten neoliberalen "Ertüchtigung der Nation", herbeigewünscht von den Nutznießern dieses Kurses, und paradoxerweise auch von den Frustrierten und Zu- kurz-Gekommenen, getragen von Sentimenten einer forschen Wir-Generation der "Tüchtigen", unterfüttert mit altnationalistischen Tönen. Die Welle des Protests war ein Zeichen der Hoffnung, die Hoffnung auf den Aufbruch der politisch wachsamen und kritischen Bürgerinnen. Die Repräsentanten der Oppositionsparteien waren anfangs mit dabei, und es schienen gute Voraussetzungen dafür gegeben, daß die Stimmen derer, die für ein gerechtes und allen Menschen würdiges Gemeinwesen in diesem Land eintreten, gehört, für die parlamentarische Politik bald Früchte tragen könnte. Derlei Hoffnungen sind verflogen. Sobald die 14 Partner der EU ihre begründete Sorge über den Rechtsruck in Österreich, der neoliberale Austerity mit populistischen und fremdenfeindlichen Akten Realität werden zu lassen versprach, sobald sich diese begründete Sorge in die Verhängung von Sanktionen verwandelte, änderte sich schlagartig das politische Klima hierzulande. Mit einem Male fand sich Österreich in die Rolle eines unrechtmäßig behandelten Opfers ein, und die Sanktionen bewirkten prompt das Gegenteil von dem, was sie erreichen wollten. Nun war der schwarze Peter bei den großen Partnern im Boot Europa, und unter dem Banner der Rechtmäßigkeit und der Forderung der Normalisierung ließ sich alles, was nicht in Ordnung war, unter den Teppich kehren. Selbst die Führer der Opposition machten die Normalisierung zu ihrer Sache. Bemüht, das gute Österreich, das Dr. J. H. nicht gewählt hatte, ins rechte Licht zu stellen. Auf diese Weise blieb im Dunkeln, was dieser Regierungswechsel de facto bedeutete. Verkörperungen Der "nationale Schulterschluß" ist die Körpermetapher für eine Mauer des Schweigens, hinter der verschwand, was im Februar als bedrohlich, das Gemeinwesen gefährdend, noch wahrgenommen wurde. Diejenige Figur, die es höchstpersönlich verkörperte, hat sich mit Bedacht von der politischen Bühne zurückgezogen - wohl um das Gewissen der internationalen Beobachter zu beruhigen. Um, wie gut erkenntlich, hinter den Kulissen der Normalisierung nicht weniger tatkräfig als zuvor die Fäden zu ziehen. Wir sind beim Thema Körper: Der politische Körper der Nation ist dabei, sich neu zu formieren. Der Wunsch nach einer intakten Fassade ist, wie sich zeigt, allseits größer als der Wille zur Bereinigung des Bodens, auf dem das Haus Österreich steht. Die Maschine der kollektiven Verdrängung ist längst in Gang gesetzt. Sie wird in Gang gehalten durch eine sich wieder einmal durchschlagende Sehnsucht nach Einheit. Das sich so manifestierende Begehren, das Streben nach Einheit und Starksein ist den Körpern der politischen Akteure eingeschrieben, in die der medial agierenden Exponenten der neuen politischen Macht ebenso wie in die der ganz normalen Bürger. Die sich anbietenden Weisen der Einschreibung sind nicht von Blau und Schwarz gemacht - sie liegen gewissermaßen auf der Straße, in den Shopping Mails, den Einkaufsmeilen der neuen Konsumkultur, und sie bevölkern den Cyberspace. Was sich da bemerkbar macht, ist eine Wiederkehr des Körpers. Die Wiederkehr eines Körpers mit besonderen Qualitäten. Und diese Wiederkehr geht einher mit dem Verschwinden des Lebendigen - anders gesagt, mit unserem Verschwinden. Was wiederkehrt, ist der vermessene Körper der Biowissenschaften, die maßgeschneiderte Körperprothesen der Künstler des Cyberspace. Die neuen Biowissenschaften vermitteln uns, was wir, auf der Höhe ihrer technischen Errungenschaften, sein könnten, sein sollen sein werden: Virtuelle Intelligenzen in synthetisch modellierten Konsum - und Warenkörper. Man betrachte nur die Familienfotos der schönen neuen Regierung: Lauter Gesichter und Gestalten, die uns entgegenstrahlen, modelliert nach Warenhauskatalogen: durchtrainiert, glattfrisierten und adrett kostümiert. Die neuen Ideale der Perfektion und Feschheit okkupieren uns mit der suggestiven Kraft der medialen Bilderwelt, die uns umgibt. Eine neue politische Ökonomie der Körper Um in dieser Welt der Macdonaldisierung von Sein und Schein zu bestehen, bedarf es eine bestimmten Form der Tüchtigkeit, die uns, wie die Soziobiologen kraft wissenschaftlicher Autorität erklären, in die Gene gelegt ist. Und wo wir nicht fit genug sind, wird diese Tüchtigkeit herbeirepariert. Das Genomprojekt wirds möglich machen: Auf Wunsch und Bestellung werden wir blauäugig und blond, schön und gesund sein, besonders unsere Kinder. Vor allem aber: Tüchtig, behinderungsfrei und kerngesund. Das Prinzip der Gene, so hieß es noch vor kurzer Zeit, ist ungebremste Selbstvermehrung. Und wir, die leibhaften Exemplare der Gattung, seien nichts anderes als ihre Überlebensmaschinen. Deshalb sie das Kriterium unserer Existenz "inclusive fittness": Lebenstüchtigkeit, die nicht nur dem individuellen Interesse nützt, sondern der neuen Klasse der Tüchtigen insgesamt. "Homo oeconomicus" im Vormarsch - schon auf dem Weg durch die Keimbahn. So steht es in den Büchern der Leitfiguren der neuen Life-Sciences. Die populistische Prämierung des Kinderkriegens bei den richtigen Leuten, gefördert durch den politischen Genius Kärntens, ist die Fortsetzung solcher Theorie mit politischen Mittel. Aber bitte, was ist denn gegen das Kinderkriegen einzuwenden? Jeder mag Kinder, und der Wunsch nach Kindern ist doch das natürlichste Auf der Welt. So weit, so gut. Ottilie Normalverbraucherin merkt aber nicht, daß ihr ganz persönlicher Kinderwunsch instrumentalisiert wird für eine Verdrängungspolitik nach dem Motto: Mehr Österreicher, weniger Ausländer. Denn nicht alle Kinder sind gleich lieb, ganz zu schweigen, wenn sie erwachsen werden. Fast so wichtig wie die Kinder sind die Mütter. Das ist nichts Neues: Seit uralten Zeiten wird der Frauenkörper modelliert, gedrillt, kontrolliert und gequält, um der hehren Ziele willen, denen er als Mittel dient: Der Erhaltung der Macht der Väter, des Volks, der Nation. Ein gutes Stück alteuropäischer Mütter-Körper-Politik feiert neuerdings fröhliche Urständ. Es ist zugleich ein Stück Politik der Gefühle, die sich auf diese Weise leicht inszenieren läßt - und natürlich auch ein Stück "gesunder Beschäftigungspolitik". Aber nicht nur das. Das politische Rezept der neuen Regierung ist ganz und gar postmodern, operiert gekonnt mit der Mischung von Altem und Neuem, von Altnationalem und Neuliberalem. Wo sind denn wir in der Eile der beherzten Aufräumungsarbeit an unseren Körpern geblieben. Leben wir noch, sind wir noch lebendig, oder sind wir schon auf die eine oder andere Weise "Un-tote?" Haben wir noch unseren Körper oder haben diese Körper uns? Bio- und High-Tech- Körper, normierte Fitnesskörper bevölkern die Warenkultur unserer "modern times": Claudia Schiffer, Schwarzenegger, Metall-Silicon Terminator Herminator drängen sich vor, wenn wir versuchen, uns Bilder von Körpern zu machen. Machen wir dies Bilder oder machen die Bilder uns, Bilder, die nicht die unseren sind, sondern produziert werden von anderen - den Körpertrendsettern und ihren Auftraggebern. Was dem einen ein profitables Geschäft, erscheint dem anderen als ein Sprungbrett in eine bessere Welt, vielleicht in eine dynamische Karriere oder in die virtuelle Welt der Datennetze, und auf diese Weise in eine Neue Form des Seins. Real und virtuell wird dem Körper homo sapiens der Kampf angesagt: Wenn es so kommt, wie es die Fanatiker der Simulation und des bio-engineering wollen, wird es uns bald nicht mehr geben, sondern funktionierende Cyborgs und intelligente Apparate, denen jede Sorge um ein Gemeinwohl oder um eine sichere Pension fernliegt. Aber noch ist es nicht so weit, noch sind wir hier und spüren, wie der eisige Wind der "Modernisierung" à la bleu-noir uns entgegenweht. Noch ist es Zeit, dem unerbittlichen Sog der Normalisierung des Unerträglichen zu entkommen, und dem Sog in Richtung genetischer, körperlicher, ökonomischer Fittness. Es ist auch höchste Zeit, ihm etwas entgegenzusetzen, der grassierenden Lähmung und Beklemmung entgegenzuwirken. Gegen die Entropie des Sozialen hilft nur eines: Bewegung, Bewegung, Bewegung im Kopf und ganz leibhaft. Weg von den angedienten Bildern, Mut zur Utopie, zur Subversion. Wer macht den Anfang? Meg Stuart / Damaged Goods Contribution for the Silence Project Physical Memories. 2 Contributions by Meg Stuart / Damaged Goods 1st Solo created with and performed by Yukiko Shinozaki Music by Jim O'Rourke DIAS 1 2 3 4 Klaus Spiess Meine Killerzellen sind Amerikanerinnen. DIA 1 Henriette Laux, eine 51 jährige Amerikanerin, DIA 2 reist vor etwa 40 Jahren, im Jahr 1958, von ihrem Wohnort Los Angeles, USA nach Genf in der Schweiz. Sie tritt ihre Reise in der Absicht an, in der Schweiz einen Erholungsurlaub zu verbringen. DIA 3 Henriette weiss um ihren zwei Jahre zuvor im Röntgen entdeckten, zu diesem Zeitpunkt kirschgrossen, bösartigen Brusttumor, DIA 4 der mittlerweile begonnen hat, in alle Lymphknoten zu metastasieren. Sie ahnt jedoch bei ihrer Ankunft in Genf nicht, dass sie die Stadt wegen einer tödlich verlaufenden Lungenentündung, die in Folge einer krebsbedingten allgemeinen Abwehrschwäche auftritt, nicht mehr "als Ganzes" und lebend DIA 5 sondern "als Teil", in Form einer ihren Metastasen entnommenen Zellkultur verlassen wird. Wohl erlaubte Henriette dem Arzt des Genfer Krankenhauses, in dem sie behandelt wurde, ihrem Körper Krebszellen für Forschungszwecke zu entnehmen, beide wissen zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht um die weitreichende Konsequenz dieser Entnahme. Henriettes mittlerweile tiefgefrorene Brustkrebszellen DIA 6 werden in der Folge von Genf nach Brüssel an ein amerikanisches Zell-Züchtungs- und Kultivierungslabor geschickt, um von dort an das ATCC - American Type Culture Collection Center in Baltimore geliefert zu werden. Dort wird die Zellkultur unter der Registrierungsnummer 342568967 als einer der ersten Tumor - Zelllinien archiviert und später mit tausenden anderen unterschiedlichen Tumor-Zelllinien unter Regierungskontrolle distribuiert. DIA 7 Alle medizinischen Krebszentren der Welt beziehen die aus der Laux Brustkrebszelle gezüchteten, nach Henriette Laux "HELA" genannten Zellinienkulturen der ATCC für ihre Forschungen und klinischen Untersuchungen, zum Beispiel zur Bestimmung der Immunabwehr von Brustkrebs-Patientinnen. DIA 8 Der Name Henriette Laux bleibt nur deshalb erhalten, weil die ersten Zelllinien ohne Löschung des Namens archiviert wurden. Ein kurzer Blick auf die Patienten Eckdaten des ATCC Archivierungsprotokolls der Heniette Laux, zeigt, dass nicht viel von ihrer Privatheit überliefert ist. Henriette war von weisser und kaukasischer Rasse, 51 Jahre alt als sie an Lungenentzündung starb, die Histologie ihres Brusttumors war die eines metastasierten Adenocarcinoms der Brust im Stadium III B; Henriettes Zellen waren durch den jährlichen Konsum von 350 Zigarettenpackungen in ihren Rezeptoreigenschaften etwas verändert. DIA 9 Wann und wo immer in der Welt die Immunkompetenz einer brustkrebskranken Frau bestimmt wird, wird dies an einer von ATCC aus Baltimore um 164 Dollar tiefgefroren gelieferten Hela Zelllinie getestet. Die HELA Zellen die hier der Immunzelle einer Wiener Brustkrebs-Patientin begegnen, werden dann in einem langwierigen biochemischen Kultivierungsprozess mit Hilfe des Serums unbekannter männlicher österreichischer Spender, die die besten Nährboden für die Zellen abgeben, in einem Grenzzustand zwischen Aktivität und Passivität gebracht, geschleudert, genährt, gesalzen, entkeimt, stillgestellt, tiefgefroren, wieder aufgetaut, gewaschen, genährt, verdünnt, ausgesäät, bestrahlt, gedüngt, radioaktiv markiert und schliesslich bebrütet, sodass sie sich erkennen, verständigen und, wenn die Immunkompetenz ausreicht, killen können bevor die HELA Zelle letztendlich nach einem Wasch- und Messvorgang für immer entsorgt wird. DIA 10 Wir erfuhren vermittels Henriettes Zellkulturen in den letzten 20 Jahren, wie Henriettes Krebszellen immunkompetente Zellen anderer Brustkrebspatientinnen mittels Rezeptoren dual, assoziativ und auf Basis eines veränderten Selbst erkennen können. Henriettes Zellen leisten also noch 50 Jahre nach ihrem Tod Erkennungsarbeit im Dienste anderer Patientinnen. Um welche Form des im besonderen kultivierten Sprechens mit dem die Kulturzellen der Henriette Laux das Schweigen ihres Körpers überwunden haben, handelt es sich nun? DIA 11 Die Forschung an der Hela Zellkultur hat gezeigt, dass menschliche Immunzellen im Gegensatz zu ihren animalischen Vorläufern, den Pantoffeltierchen, nicht nur auf ihre eigene Wohnhülle bezogen sind, sondern auch auf die Umwelt, die sie nicht nur definieren, kennen und merken, sondern auch schützen und bekämpfen können. Dem Pantoffeltierchen stehen lediglich zwei Nicht Selbst Definitionen zur Verfügung, mit dem es sich über sein Gegenüber definieren kann, das entweder als feindlich definiert wird, mit der Notwendigkeit für das Pantoffeltierchen zu fliehen oder als freundlich, mit der Notwendigkeit, dort zu verweilen und Nahrung aufzunehmen. Die menschliche Immunzelle kennt darüber hinaus weitere Definitionen des Nicht-Selbst. In den 50 Jahren, in denen Henriettes Zellen nun aktiv sind, haben sich auch die medizinischen Fachdisziplinen und die Sichtweise des Körpers in deren Sprache verändert. DIA 12 Ist die klassische Pathologie noch um die Worte "liegen, stehen, treten, treiben, fallen" konstruiert, mit denen sie den Körper beschreibt, treten in der deutschen Psychosomatik der 70er Jahre existentiell-romantische Bezeichnungen auf, in denen der Körper versteht, ringt, wünscht, löst und verändert; während in der amerikanisch dominierten Immunologie die Sprache der Gruppendynamik auf zelluläre Prozesse übertragen wird: die Immun-Zellen können bereits vermitteln, erkennen, binden, schützen und begrenzen. DIA 13 Generell stellt die deutsche Sprache wenig Begrifflichkeiten für den Körper zur Verfügung, um die Aktivitäten von Henriettes Zellen denken zu können. Der deutsche Körper wird als beseelt gedacht, während er im amerikanischen als animiert vorgestellt wird. Gerät der deutsche Körper meist unter Zwang in eine Stellung, nimmt der amerikanische Körper Haltung ein und hat die Wahl. Im Deutschen wird der Körper als erleidend, durch sein Körperganzes vereinnahmt, räumlich-konkret gedacht; im amerikanischen wird er handelnd, in Teilen, die für das Ganze stehen und abstrakter gedacht. Lungenfunktionsuntersuchungen zeigen, dass der körperliche Atemaufwand beim Sprechen eines deutschen Satzes wesentlich grösser ist, als beim Sprechen eines amerikanischen Satzes. Die gedachte Immobilität der deutschen und die Mobilität der amerikanischen Körperteile musste zur Folge haben, dass Sigmund Freud ihren Trieben ausgelieferte Säuglinge entdeckte, während der amerikanische Selbstpsychologe David Stern neugierige, animierte Säuglinge entdecken musste. Surft man in Internet unter dem Stichwort Brust, findet man in deutschen Suchmaschinen vorwiegend Treffer zur stillenden oder sportlich ertüchtigten Brust, während man in US Suchmaschinen die meisten Treffer zur krebskranken oder silikonimplantierten Brust findet. Neue Körpermetaphern können sich also in der amerikanischen Sprache auf Grund ihrer Vorgaben rascher einschreiben. DIA 14 Henriettes Sprechen ist erst ermöglicht, nachdem ihr Körper einen Übersetzungsprozess erfahren hat, in dem das Rot ihres Blutes in das Rot des Zeichens verwandelt wurde. Erst dadurch war ihre private Erschöpfung und Angst, die sie gefühlt und erlitten haben mag und die ihr Tumorwachstum vielleicht beschleunigte, als beobachtbarer Parameter ihrer Immunkompetenz lesbar. Ihr privater, okkulter, einzigartiger, hypothesenlos dem Tod ausgelieferter Körper wurde durch die Übersetzung in Zeichen unbegrenzt zugänglich, öffentlich, systematisierbar und messbar. Indem das Tasten, Riechen, Schmecken zu Gunsten vor allem des Sehens reduziert wurde DIA 15 wurde eine Verwandlung in eine Zellkultur erst möglich und Henriettes Zellkultur konnte beginnen, obwohl Teil von Henriette, gleichzeitig für etwas Allgemeineres und weniger Begrenztes zu stehen. DIA 16 Santorio gelang 1614 mit einer von ihm konstruierten Spezialwaage nach jahrelangen Selbstversuchen der Nachweis einer unsichtbaren Ausscheidungsmenge von 1.25 Kilogramm über seine Haut und Lunge als Differenz zwischen der von ihm eingenommenen Nahrungsmenge und dem Gewicht seines Stuhles und Urins. Er hatte damit erstmals das systematische Messen in die Medizin eingeführt und wurde Vorreiter der abstrakten medizinischen Zeichenlehre, die derzeit mit 100.000 Symptomen 10.000 Diagnosen bilden kann. Dafür ist ihm zu danken. DIA 17 (=DIA 5) Henriette Laux muss bedankt sein für ihr, von ihr nicht voll bewusst intendiertes Nach-Leben als HELA Zelle, als eine der Passivität des körperlichen Schweigens entrissene Äusserung, die unter besonderen Bedingungen kultiviert wurde. Die damit erreichte Handlungsfähigkeit und unbegrenzte Zugänglichkeit des Körpers kann nicht ohne Übersetzungsarbeit in Sprach- und Zeichenprozesse erreicht werden. Erst der vorübergehende Verzicht auf die Verankerung des Zeichen-Sprechens im Intimen, Vertrauten und die damit verbundene Bereitschaft zur Entblössung des Privaten ermöglicht es, über die blosse Reproduktion dessen, was von der Natur vorgegeben wird hinauszukommen, gleichzeitig aber auch deren Charakteristika gegenüber ausreichend aufmerksam zu bleiben. Diese Übersetzungsarbeit und vorübergehende Überwindung des Intimen und Vertrauten macht letztlich jedes Sprechen zu dem mühsamen und gefährlichen Akt, als der sich Sprechen immer wieder darstellt. Meg Stuart / Damaged Goods Contribution for the Silence Project Physical Memories. 2 Contributions by Meg Stuart / Damaged Goods 2nd Solo by Meg Stuart Music by Christian Fennesz DIAS 1 2 3 4 5 Walter Suntinger Körper und Seelen töten. Drei Todesfälle Am 15. März 1998 nahm sich der somalische Flüchtling Shamir Ahmed auf dem Menschenrechtsplatz im Grazer Stadtpark das Leben. Ahmed hatte 1993 in Österreich Asyl erhalten. 1994 war ihm das Asyl wegen Straffälligkeit aberkannt und seine Ausweisung verfügt worden - ohne die Frage drohender Folter in Somalia zu prüfen. Seine Abschiebung nach Somalia konnte nur durch die Intervention des Europäischen Menschenrechtsgerichthofs verhindert werden, der Österreich wegen Verstoßes gegen das Verbot der Folter und Mißhandlung verurteilte. Einen ordentlichen Aufenthaltsstatus bekam Ahmed in Österreich dennoch nicht, trotz mehrmaliger Interventionen des UN Flüchtlingshochkommissariats. Er mußte sich wöchentlich bei der Polizei melden und blieb in einem rechtlichen und sozialem Limbo, ohne legalen Aufenthalt, ohne Arbeit, ohne Aussicht. Das Innenministerium bedauerte den "tragischen Selbstmord", lehnte jedoch eine kausale Verknüpfung von Selbstmord und Aufenthaltsstatus ab. Genau diese Kausalität hatten das UN Flüchtlingshochkommissariat und Ahmeds Anwalt gesehen. Der Europarat prüft derzeit, ob Österreich in diesem Fall seiner Verpflichtung, die Urteile des Europäischen Gerichtshofs umzusetzen, nachgekommen ist. Am 1. Mai 1999 starb der nigerianische Asylwerber Marcus Omofuma im Flugzeug nach Sofia. Sein Widerstand gegen die Abschiebung war durch Fesselung an Händen und Füßen - und durch das Anbringen eines Klebebandes über Nase und Mund - gebrochen worden. Der Innenminister und hochrangige Beamte des Innenministeriums gaben an, von der Praxis des Knebelns nichts gewußt zu haben. Schon 1997 hatte aber ein Unabhängiger Verwaltungssenat das Verkleben des Mundes als unmenschliche und erniedrigende Behandlung eingestuft. Die Exekutivbeamten hatte weder klare Richtlinien für die Vorgangsweise bei sogenannten "Problem-Abschiebungen" noch wurden sie in irgendeiner Form darauf vorbereitet. Das Strafverfahren gegen die Beamten ist noch nicht abgeschlossen. Den Gerichten liegen einander widersprechende medizinische Gutachten zur Todesursache vor. Am 17. Mai 2000 starb der fünfjährige afghanische Asylwerber Hamid im Krankenhaus Eisenstadt. Der Obduktionsbericht ergab eine "ausgeprägte Herzerweiterung und eine wässrige Lungenschwellung". Der herzkranke Hamid war mit seiner Familie nach Österreich gekommen, um Schutz vor Verfolgung zu finden. An der Grenze aufgegriffen, war er im Rahmen des "gelinderen Mittels" (als Alternative zur Schubhaft) in einer Pension in Gols untergebracht worden. Als sich der Gesundheitszustand des herzkranken Buben verschlechterte, wurde der Familie von der Pensionseigentümerin nach Angaben von Flüchtlingen die Hilfe verweigert, die Gemeindeärztin schickt den Buben mit Medikamenten gegen Fieber und Durchfall wieder nach Hause. Als sich sein Zustand weiter verschlechterte, riefen afghanische Flüchtlinge die Rettung - die nicht sofort losfuhr, sondern wiederum die Gemeindeärztin verständigte. Der daraufhin veranlaßte Transport ins Krankenhaus kam zu spät. Hamids Leben konnte nicht mehr gerettet werden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Verantwortung ... der konkret handelnden Personen Die individuelle Verantwortlichkeit der konkret handelnden Personen - ExekutivbeamtInnen, FremdenpolizistInnen, Pensionseigentümerin, Ärztin - muß von den Gerichten geklärt werden. Wie immer diese beurteilt werden wird: sie sind Teil eines Systems, in dem sie ihre Pflicht tun bzw. in dem sie leben. ... der Regierungsverantwortlichen Im Gegensatz zum Vorgehen des belgischen Innenministers in einem ähnlich gelagerten Fall ist der österreichischen Innenminister nach dem Tod Omofumas nicht zurückgetreten. Ersetzt die Einsetzung eines Menschenrechtsbeirats das Wahrnehmen der eigenen politischen Verantwortung? Für den Selbstmord Ahmeds gab es laut Innenministerium keine Mitverantwortung der Behörden, die Herstellung einer solchen wurde ausdrücklich zurückgewiesen. Es ist dieses - Nichtwissen, Nichtsehen, Nicht-Verantwortung-Übernehmen - Wollen, das kennzeichnend ist für das System. ... der Parlamentarier Weiterhin sind Personen wie Ahmed, die wegen drohender Folter in ihrem Heimatland nicht abgeschoben werde dürfen, aber straffällig geworden sind, von Gesetzes wegen von der Möglichkeit eines legalen Aufenthalts ausgeschlossen und damit in einer die Seele krankmachenden Lage: ohne Sicherheit, ohne Arbeit, ohne Perspektive. Dieses Gesetz war der ausdrückliche Wille des SPÖ-ÖVP dominierten Gesetzgebers im Jahre 1997, also in Kenntnis des Urteils des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes im Falle Ahmed. Weiterhin besteht für mittellose Asylwerber in Österreich kein Rechtsanspruch auf Aufnahme in die Bundesbetreuung. Ein europäischer Vergleich stellt dem reichen Österreich ein erbärmliches Zeugnis bei der Betreuung von Asylwerbern aus. Asylwerber, auch Jugendliche, werden eher in Schubhaft genommen als nach den Grundsätzen der Menschenwürde aufgenommen und betreut - in Kenntnis der Folgen für die betroffenen Personen. Die Kritik der Nichtregierungsorganisationen und MenschenrechtsaktivistInnen anläßlich der Beschlußfassung des Asyl- und Fremdengesetzes wurde nicht zur Kenntnis genommen. "Wir würden ja gern, aber ... das läßt sich nicht politisch nicht durchsetzen". Und damit wurde bewußt in Kauf genommen, daß sich Österreich weiterhin seiner Verantwortung für Flüchtlinge entzieht. Der Tod Hamids spricht eine deutliche Sprache. Die ParlamentarierInnen sind Teil des Systems, in dem sie die politische Linie der Regierung durch Heben der Hand absegnen - und damit wieder die Handlungen der Exekutive bestimmen. ... der Öffentlichkeit und der politischen Parteien Der Einfluß einzelner Medien mit klar fremdenfeindlicher Berichterstattung auf die politisch Handelnden und auf die öffentliche Meinung ist besonders stark- sie scheint die Politik vor sich her zu treiben - und reagiert scheinbar wiederum nur auf die Haltung der Bevölkerung. Der Einfluß einer Partei mit klar fremdenfeindlicher Botschaft auf die politische Linie war besonders stark. Ihre "besten Männer" saßen im Innenministerium. Nun sitzt sie selbst in der Regierung und bestimmt die politische Linie. Der Hinweis auf "Das ist politisch nicht durchsetzbar" kam regelmäßig mit Blick auf DAS Medium und DIE Partei. ... der Bevölkerung Teile der österreichischen Bevölkerung haben mit der Wahl im Oktober 1999 das österreichische System des Umgangs mit Fremden, das den Tod Ahmeds, Omofumas und Hamids ermöglicht, gestärkt. Erstmals trägt eine Partei mit klar fremdenfeindlicher Botschaft und diskriminierender Rhetorik Regierungsverantwortung. Und wir? Inwieweit sind wir alle Teil des Systems, das Körper und Seelen tötet? Sind wir alle verantwortlich für den Tod Ahmeds, Omofumas und Hamids? Verantwortlichkeit durch Untätigkeit? Stille. P.S. Ich halte dafür, daß wir angesichts der größer gewordenen Gefahr für die Menschenwürde von in Österreich lebenden Menschen aus aller Welt eine größere Verantwortung tragen, wo immer wir tätig sind, wo immer wir leben, mit welchen Ausdrucksformen auch immer. Als jemand, der das Funktionieren des österreichischen Fremdenrechtssystems und die Ohnmacht vieler darin Kämpfender kennt, ist die gesteigerte Wachsamkeit breiterer Kreise ein hoffungbringendes Signal - ein Signal, das auch notwendig ist: Dieses System, das Menschen zum Schweigen bringt, ist potentiell noch gefährlicher geworden. Elisabeth List, Professorin am Institut für Philosophie der Universität Graz, Gastprofessuren in Bergen, Norwegen, Klagenfurt, Innsbruck. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaftstheorie und Gesellschaftstheorie, Feministische Theorie und Wissenschaftskritik, Theorien des Körpers im kulturellen Kontext, Theorien des Lebendigen. Yukiko Shinozaki, geboren 1969 in Tokyo. 1988 Studium Zeitgenössischer Tanz und Psychologie, Portland State University, Oregon. Solos in verschiedenen Theatern in New York 'kila kila' und 'Dappi'. Seit 1996 bei Damaged Goods. Assistentin von Meg Stuart bei Mikhail Baryshnikov/White Oak Dance Project 'Remote'. Damaged Goods creations and performances: 'Splayed Mind Out','appetit' und 'Highway 101'. Zusammenarbeit mit Heine Røsdal Avdal, Duett 'Cast off Skin', für das Dans Festival in Bergen, Norwegen, Oktober 2000. Klaus Spiess, a.o. Univ.Prof., Facharzt für Innere Medizin, Lehranalyse bei der Wiener psychoanalytischen Vereinigung, Universitätsdozent für Klinische Psychosomatik von Stoffwechselerkrankungen, Leiter des Forschungsbereichs Kulturpsychosomatik am Institut für Medizinische Psychologie der Medizinischen Fakultät der Universität. Meg Stuart / Damaged Goods, sind 'artist in residence' am Kaaitheater (Brüssel) und bei den Wiener Festwochen / tanz2000.at. Für drei Monate arbeitet die amerikanische Tänzerin und Choreographin Meg Stuart mit ihrer 1994 gegründeten Gruppe Damaged Goods in den leergeräumten Emballagenhallen, um den Kern ihres Highway-Projekts vor Ort in einem offenen Prozess zu entwickeln. (http://www.damagedgoods.be) Meg Stuart, die in New York in Kontaktimprovisation und Release-Technik ausgebildet wurde, ist ein subtiler Seismograph gesellschaftlicher Befindlichkeiten, der durch die extremen Körperbilder hindurch die Emotionen und den Intellekt der Zuschauer gleichermaßen anspricht und aufzeichnet. Walter Suntinger, Rechtswissenschaftler, Menschenrechtskonsulent und -trainer, Mitarbeiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Menschenrechte und von amnesty international, Mitglied des Menschenrechtsbeirats des Bundesministerium für Inneres. 5. Stille, mit Dank an: Ayco Duyster, Richard Ferkl, Sieglind Güttler, Boris Kopeinig, Ralf Nonn, Graphische Kunstanstalt Otto Sares GmbH, Hortensia Völckers, Heide Wihrheim. |