| < | Emotionalisierung. Veranstaltung am 4. August 2000 im Wiener Künstlerhaus. Constantin Wulff Emotion:Pictures. Einleitung zu drei Filmen und einem Videoprogramm. Ein halbes Jahr nach Angelobung der ÖVP-FPÖ-Regierung. Wenn ich an den 4. Februar denke - um dieses Datum geht es in dieser Veranstaltungsreihe - und an die folgenden 4. jedes Monats. An die Zeit bis heute. An die politischen Entwicklungen in Österreich seitdem. Dann habe ich immer wieder das Bild eines leeren Zentrums vor mir. Eine Lücke. Ein leeres Feld, das sich nicht füllen läßt. In dieses leere Feld wollen sich immer wieder Wörter setzen: Rassismus, Populismus, Rechtsextremismus. Aber diese Wörter, die auf etwas zielen. Die etwas benennen wollen. Sie geraten immer wieder in einen Sog, der sie wegreisst. Sie werden ersetzt von anderen Begriffen: Sanktionen, Vernaderung, Nulldefizit. Diese oder andere Begriffe machen sich breit. Und: Sie machen Lärm. Deshalb Stille. Wie diese Veranstaltungsreihe fordert. Um sich zu vergewissern. Ja. Aber. Ich erinnere mich auch an den Lärm und die Unruhe vom 4. Februar am Ballhausplatz in Wien. Und an den Lärm und die Bewegung mancher Donnerstagsdemos. Das Trommeln, das Pfeifen, das Dröhnen. Nicht nur um mich herum, sondern auch im Kopf. Und in den Köpfen der Freunde, Kollegen, Bekannten und Unbekannten. Bis heute, sechs Monate später. Ich erinnere mich, daß in diesem aufregenden Lärm des 4. Februar am Ballhausplatz, als die neue Regierung sich durch einen unterirdischen Gang retten mußte, eine Unterschriftenliste herumgereicht wurde. Von Filmschaffenden. Sie wurde wenig später im Katalog der Filmfestpiele in Berlin abgedruckt. Ihr Text lautet: "NEIN! Jörg Haider hat es geschafft. Menschenverachtung und Rassismus, Verharmlosung der nationalsozialistischen Vergangenheit, antieuropäischer Provinzialismus, Diffamierung von Kunstschaffenden sind durch die Regierungsbeteiligung seiner Partei salonfähig geworden. Solches Gedankengut steht in krassem Widerspruch zu unserern Überzeugungen. Wir können es in Österreich nicht dulden und wollen es in Europa nicht haben." Ich vermute, daß alle Filme und Videos, die heute abend zu sehen sind, mit dem Gefühl, das dieser Text ausdrückt, zu tun haben. Die drei Filme, Avantgardefilme, sind in den 70er und 80er Jahren in Österreich entstanden. Das Videoprogramm im Februar und März diesen Jahres. HELDENPLATZ, 12. MÄRZ 1988 von Johannes Rosenberger. Eine direkte filmische Aktion, vor zwölf Jahren gedreht. Die Zeit der Waldheim-Jahre. Heldenplatz, Wien. 50 Jahre nach 1938. Eine Gegeninszenierung. Die Inszenierung eines Liedes: "Der morgige Tag ist mein". Patriotischer Text. Pathos. Musik. Eine Performance, filmisch dokumentiert, reflektiert. Vor Ort. Ein Sich-Raum-Nehmen. Eine Verortung im sogenannten "Gedenkjahr". Ein gegenwärtiges Erinnern. Die Emotionen werden lokalisiert, am Ort anschaulich gemacht. Vor dem Hintergrund, kein Zufall, einer Anti-Waldheim-Demonstration. Ein anderer Hintergrund: Mitte der 70er Jahre realisiert Alfred Kaiser seinen ersten Fim: EIN DRITTES REICH. Der Film ist dem Österreichischen Filmmuseum gewidmet. Alfred Kaiser hatte dort gearbeitet und in Archiven das Material für seinen Film kennengelernt: Filmische Propaganda des Nationalsozialismus. Wochenschauen, Spielfilme, Kulturfilme, Amateuraufnahmen aus der Zeit. EIN DRITTES REICH ist ein Film aus Filmen. Found Footage. Pure Veranschaulichung. Analyse mit filmischen Mitteln. Und ein Zerstörungsversuch. Eine komplexe Bild-Ton-Montage. Mikroskopische Bild-Bild- und Ton-Ton-Kommentare. Der Film bewegt sich auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig. Mehrere narrative Klammern. Zeitliche, phänomenologische, thematische. Zentral ist Paula Wesselys großer Deutschland-Monolog aus dem Film "Heimkehr". Antisemitischer Text. Pathos. Musik. Nach 20 Minuten EIN DRITTES REICH, nach zwei Drittel des Films, der Satz: "Ich halt's nicht mehr aus." Davor Hitlers Stimme: "Ihr müßt euch in Gehorsam üben" zu einem Bild mit Kleinkindern. Danach blickt ein Kampfpilot in die Sonne. Und dann beginnt der Krieg. Bilder der Gewalt. Zerstörung. Ein Totentanz. Das Ende im Schwarz. Valie Exports REMOTE...REMOTE... ist 1973 entstanden. Eine Performance, selbstreflexiv, schmerzhaft. Valie Export, die sich, ungerührt, aufreizend, verletzt. Hinter ihr eine Fotografie mit zwei Kindern. Monotones Pochen. Messer. Blut. Eine grausame Lektion. Verletzung des sorglosen Blicks. Ich habe diesen Film schon mehrere Male gesehen: die Intensität ist stets gleich geblieben. Valie Export: "Die Sprache des Realen ist der Schmerz." Das Videoprogramm DIE KUNST DER STUNDE IST WIDERSTAND ist Teil eines mehrstündigen Programms, das als direkte Reaktion auf den 4. Februar entstanden ist. Zum ersten Mal wurden diese Videos Ende März an der Diagonale in Graz präsentiert. Seitdem ist das Programm häufig gezeigt worden und durch halb Europa getourt. Die Nachfrage, vor allem außerhalb der Grenzen, ist groß. Österreich im Jahr 2000, das ist von Interesse. Ein mediales Phänomen. Die Videofilme der KUNST DER STUNDE... kümmert das nicht. Sie haben kein Zielpublikum vor Augen. Es sind zumeist heftige Anklagen. Spots. Schnell formuliert. Positionierungen gegen Schwarz-Blau. Wütende und ironische Aktionen, die sich der geforderten Normalisierung widersetzen. Sprachkritik. Bilderanalyse. Es sind Dokumente. Bereits heute. Dokumente eines Moments, des "Frühling in Wien", wie der Titel eines Spots lautet. Und Dokumente einer Emotion. Emotion. Pictures. Nicht das Schlechteste, um auf den 4. Februar zu reagieren: zornige Filme machen. Johannes Rosenberger heldenplatz, 12. märz 1988 A 1988/91, 16mm, Farbe, 3 Min. Verleih Sixpack Film. Ein Statement zu Nationalismus, Vergangenheitsbewältigung und den akuten faschistoiden Tendenzen im deutschsprachigen Raum. Ein Lied für Kurt Waldheim, an jenem Tag, als sich der Einmarsch Hitlers in Wien zum 50. Male jährte. Eine Aktion am Wiener Heldenplatz als Basis dieser experimentellen Dokumentation. Alfred Kaiser Ein drittes Reich. A 1975, 16 mm/sw., 29 Min. Verleih Navigator Film. Regie, Drehbuch Kamera, Schnitt, Produktion: Alfred Kaiser. "Ein drittes Reich besteht aus optischen und akustischen Phrasen des Nationalsozialismus. Sie sind in einer Weise ernst genommen, daß ihre Lächerlichkeit und schließlich ihre tödliche Bedeutung sichtbar werden. Die Art der Verknüpfungen entwickelt sich aus den Gesetzen des Films und wird damit zu einer Einheit aus Inhalt und Form." ..."Ein hochmoralischer Film, weil die Moral der Kunst die Form ist; und inhaltlich ist der Film moralisch, weil er sagt: Achtung vor der Phrase, denn jede Phrase ist lebensgefährlich." (Alfred Kaiser, 1975) Boris Hauf - electronix, John Norman - bass, electronix Duo Für Zeitgenössische Gebrauchsmusik Kollektiv Die Kunst Der Stunde Ist Widerstand Bernadette Huber Wie böse ist Österreich?, 2' "Der Österreicher läßt sich nicht gerne vom Ausland diktieren."... einige "kräftige Aussagen (Originalzitate) eines aufstrebenden österreichischen Politikers laufen als Band durch das Videobild. Die Statements werden plötzlich durch eine ungewöhnliche Geburtsszene unterbrochen. Die rotweißrote Fahne kommt auf die Welt und wechselt dabei ihre Farbe... Die Frage steht im Raum: "Wie böse ist Österreich?" Franz Novotny Frühling in Wien, 1.5' Der Text eines FPÖ-Antrags wird vom Schauspieler Hubsi Kramer publikumswirksam vorgetragen: in der Rolle des Redners Adolf Hitler. Dieter Auracher Links -- Rechts, 0.5' Denkanstoß zum Thema Floskeln und Parolen am Beispiel Wolfgang Schüssel. Antifax Mediawatch, 12' Zusammenschnitt der öffentlich rechtlichen Berichterstattung im Umfeld der Angelobung. Die Zitate sprechen für sich. Thomas Horvath & Niki Griedl Naschmarkt & Grenze (5 Filme gegen Schwarzblau 1-2), 1' Nils Olger & ACC Widerstand, 10' Dokumentiert in rauen Bildern die ersten Tage des Widerstand, kurz vor und nach der Angelobung der schwarz-blauen Koalition am 4. Februar 2000. Mitgefilmt wurde etwa die Besetzung des Sozialministeriums oder der Einsatz der Wasserwerfer vor der FPÖ-Zentrale. ACC wurde im Jaenner 2000 gegruendet und ist ein unabhaengiges Videoprojekt, das Informationen abseits der manipulativen Massenmedien vermitteln will. Martin Reinhart Pinocchio, 1' Politische Symbolik im Wandel oder die Sprache eines Wahlplakates. Animationsfilm. Janis Brandis Hamburger Schauspielhaus, 11' Der am Hamburger Schauspielhaus engagierte österreichische Darsteller Wolf Bachofner gibt, erblondet und als Schwarzer markiert, mit nacktem Oberkörper und Hosenträgern, das patriotische Pathos von Fendrichs "I am from Austria" der Lächerlichkeit preis. Dieter Auracher Parallelaktion, 3' Aussagen von Wolfgang Schüssel, durch eine Parallelmontage in Bezug zur Demo-Wirklichkeit gesetzt. Boris Hauf - electronix, John Norman - bass, electronix Duo Für Zeitgenössische Gebrauchsmusik Valie Export ...Remote...Remote... A 1973, 16mm, Farbe, 12 Min. Verleih Sixpack Film. Im Hintergrund des Filmbildes: das Blow Up eines Schwarzweißphotos, auf dem zwei Kinder ernst in die Kamera blicken. Im Zentrum: eine Aktion Valie Exports, die sich mit starrem Blick und Messer in der Hand sehr beiläufig an die Verstümmelung ihrer Finger macht ... (Stefan Grissemann) Filmprogramm: Alexander Horwath Filmkritiker und Redakteur. 1992-96 Direktor der Viennale. Seither freier Autor. Konsulent für Filmfestivals (Venedig, Rotterdam) und Kurator von Filmreihen und Ausstellungen im In- und Ausland. Videoprogramm: Thomas Korschil Studien am San Francisco Art Institute (Film) und der Univ. Wien (Philosophie). Filme seit 1990 (u.a. Sunset Boulevard). Co-Konzeption der Austrian Independent Film an Video Database (Internet); Musikprogramm: Christoph Huber Seit 1991 Mitorganisator des Internationalen Jazzfestival Saalfelden. Seit Herbst 1993 künstlerischer Leiter (zusammen mit Renald Deppe und Mathias Rüegg) des Jazz & Music Club Porgy&Bess in Wien. Constantin Wulff, geboren 1962. Filmschaffender, Publizist und Festivalleiter. Lebt in Wien. Publikationen zum österreichischen Film (u.a. über Wilhelm Gaube, Alfred Kaiser, Ulrich Seidl etc.). Gründungsmitglied von Navigator Film, Wien. Produktion von Dokumentarfilmen. Eigene Filme: 'Spaziergang nach Syrakus', Treid'. Seit 1997 Co-Leitung der DIAGONALE; dem Festival des österreichischen Films in Graz. Johannes Rosenberger, geboren 1965, 1985-92 Filmakademie. Seit 1991 freischaffender Filmemacher, Produzent. 1992 Gründungsmitglied von Navigator Film. Alfred Kaiser, geboren 1940, gestorben 1994. Maler, Komponist, Musiker und Schriftsteller. Boris Hauf, geboren 1974 in London, studierte Saxophon, Flöte, Philosophie, Medientechnologie in Linz, Wien, London. Konzerte, Tourneen, Festivals in Europa, Nordafrika, Mexiko und den USA. 8 CD-Veröffentlichungen, ua. auf durian, mego und extraplatte. http://www.sil.at/hauf John Norman, Geboren 1971 in Göteborg/Schweden, erste musikalische Gehversuche als Bassist in Punkbands, erste österreichische Band "OEL" (1992-1994), mit der elektroakustischen Formation "Radian" seit 1997 international erfolgreich. Kollektiv Die Kunst Der Stunde Ist Widerstand. Die meisten dieser Filme sind als spontane Protestäußerung zur Regierungsbeteiligung der rechtspopulistischen FPÖ, beginnend mit Februar 2000, entstanden. Neben Teilnehmern aus der "etablierten" Filmszene steuerte vorallem eine Gruppe von jungen, nicht-professionellen Film- und Videoschaffenden ihre Projekte bei. Vorderstes Ziel der Reihe ist, diejenigen Bilder nachzuliefern, die in den etablierten Medien, respektive dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, nicht zu sehen sind. Sie versteht sich somit als nicht-angepaßtes Medium der Gegenöffentlichkeit, das zu einer differenzierteren Sichtweise beitragen will. Weitere filmische Arbeiten sollen entstehen und an die Öffentlichkeit gebracht werden. In diesem Sinne wächst das Projekt täglich. Valie Export, Spielfilme, Avantgardefilme, Video Tapes, Expanded Cinema, Video-Installationen, Computerarbeiten, Persona Performances, Körper-Material-Interaktionen, Fotografie, Installationen, Skulpturen, Objekte, Gobelins, Zeichnungen und Publikationen zur zeitgenössischen Kunstgeschichte, Gründungsmitglied der Austria Filmmakers, zur Zeit Professorin an der Hochschule für Medien in Köln. 6. Stille, mit Dank an: Richard Ferkl, Boris Kopeinig, Navigator Film (www.t0.or.at/~navigator), Graphische Kunstanstalt Otto Sares GmbH, Sixpack Film (www.t0.or.at/~sixpack/frames/statment-d.html), (www.t0.or.at/~sixpack), Bruno Stubenrauch. |