<   Europa. Veranstaltung am 4. November 2000 im Wiener Künstlerhaus.




Robert Misik

Die Möglichkeit und Unmöglichkeit
eines europäischen Wir


Die Frage nach der Möglichkeit und Unmöglichkeit eines europäischen "Wir" ist gleichbedeutend mit der Frage, ob es eine europäisches Volk gibt. Allenfalls gibt dieses in Gänsefüßchen gesetzte "Wir" bereits einen Hinweis auf eine der Voraussetzungen zur Behandlung dieser Frage und diese Voraussetzung besteht darin, daß ein Volk nichts archaisch existentes, sondern eine unter bestimmten Umständen gebildete Gemeinschaft von Menschen ist, die sich in stärkerem oder schwächerem Maße zusammengehörig, mehr oder auch weniger für einander verantwortlich fühlen, und die nicht nur durch einen Staatsverband, sondern auch durch ein Netz an gemeinsamer Öffentlichkeit und politischer Kultur verbunden sind.

Bevor wir uns aber der Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines solchen "Wir" zuwenden, haben wir freilich erstens zu klären, was denn bisher ein solches "Wir" - nämlich im nationalstaatlichen Rahmen - auszeichnete, und zweitens der Frage nachzugehen, warum denn eigentlich gute Gründe dafür sprechen könnten, daß den nationalen Gemeinschaften eine europäische - im Wortsinn - Gemeinschaft sozusagen nachwachsen sollte, und welche guten Gründe dies wären.

I.

Also reden wir von der Nation. Der westeuropäische Nationalstaat, und vor allem von ihm ist hier die Rede, der westeuropäische Nationalstaat also, in seinen verschiedensten, facettenreichen Ausprägungen - von der republikanischen Nation Frankreich, über die verspätete, mit dem Makel der Barbarei behaftete deutsche bis hin zu jener seltsamen Nation, die lange keine war und die lange keiner wollte, nämlich Österreich - , dieser westeuropäische Nationalstaat also, hat bei allem düsteren historischen Erbe, das er mitschleppt und allen Schrecklichkeiten, die er zu verantworten hat, auch seine unbestreitbar positiven Ergebnisse. Erst in ihm wurde "Gesellschaft" in dem Sinn, wie wir sie heute verstehen, möglich. Er war und ist das Terrain der Demokratie, der freien Willensbildung von Staatsbürgern, die Grundlage eines Gemeinwesens, das von sich behaupten konnte, in ihm gehe das Recht vom Volke aus. Er konnte dies aber nur leisten, indem er zuerst aus weitgehend atomisierten Menschen, deren Loyalität bis dahin allenfalls unterschiedlichen Obrigkeiten oder ihren Familien oder ihren Dörfern oder ihren Landstrichen oder ihren Städten galt, indem er also aus einer "zunächst zusammengewürftelten Bevölkerung" ein Staatsvolk machte und dieses zu Staatsbürgern verwandelte, und dies erforderte - ich halte mich soweit und noch für einige Zeit an die Argumentation Jürgen Habermas -, "eine kulturelle Integration", die eine "wie immer auch geartete imaginäre Einheit" herstellte. Doch mehr noch: Indem diese kollektive Identität einen Patriotismus bestärkte, der auch einen soziales, ein solidarisches Moment in sich barg, beinhaltete er implizit auch die Möglichkeit solidarischen Ausgleiches allzu krasser Ungerechtigkeiten, eine Möglichkeit, die in der Realität der westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten der Nachkriegsjahre explizit wurde. "Angehörige der selben >Nation<", schreibt Habermas, "fühlen sich, obwohl sie Fremde füreinander sind und bleiben, soweit füreinander verantwortlich, daß sie zu >Opfern< bereit sind" - dieses Opfer kann dann darin bestehen, daß man seinen Wehrdienst ableistet, um die Heimat zu verteidigen, es kann aber auch darin bestehen, daß man ohne großes Murren, ja oft sogar mit vollem Verständnis für deren Berechtigung, Steuern zahlt, deren Umverteilungseffekte seinen bedürftigeren Landsleuten zugute kommen. Wenn dies die Folge der Integration der Bevölkerung in ihren Staat war, so wurde diese Folge selbst wiederum zu einer weiteren Ursache einer erfolgreicheren Integration - die Erfolgsgeschichte des westeuropäischen Sozialstaates machte die Ober- und Unterklassen weitgehend zu selbstbewußten und zufriedenen Bürgern, indem er ersteren stabile Prosperität und letzteren eine Zukunft, gesellschaftlichen Aufstieg versprach; ein Versprechen, das er weitgehend einzuhalten vermochte. In diesem westeuropäischen Sozialstaat gab es zwar auch Konflikte, doch er hatte einerseits oftmals Modalitäten entwickelt, diese Konflikte institutionell zu entschärfen, indem er den verschiedenen Akteuren erlaubte, ihre legitimen Interessen zu vertreten und tragbare Kompromisse zuließ - was wiederum seine Legitimität in den Augen der Bürger erhöhte; andererseits wurde seiner Integrationsfährigkeit keineswegs notwendigerweise Abbruch getan, wenn Konflikte offen und scharf aufbrachen - auch diejenigen, die in den jeweiligen Regierungen dieses "Nationalstaates" ihre Gegner sahen, akzeptierten in gewissen Sinne dessen Institutionen, und sei es bloß, indem sie den Gegner als Gegner "anerkannten".

II.

Diese national- und wohlfahrtsstaatliche Konstellation gehört indes der Vergangenheit an. Aus vielen Richtungen kam der nationalstaatliche Integrationsmodus der Nachkriegszeit unter Druck. Für unsere Fragestellung stehen zwei im Vordergrund.

Zum einen jene Prozesse, die wir im allgemeinen mit dem Wort von der "Globalisierung" beschreiben, die die Möglichkeiten der nationalstaatlich organisierten Politik, steuernd - vor allem in das Feld der Ökonomie - einzugreifen, erheblich einschränken. Die Literatur in Bezug auf diese Frage ist mittlerweile so umfangreich, daß ich hier nicht ausführlich darauf eingehen muß. Nur soviel: Keynesianische, makroökonomische Globalsteuerung, auf der die wohlfahrtsstaatliche Konstellation gründete, ist praktisch nicht mehr möglich, weil sie souveräne, abgegrenzte Volkswirtschaften zur Voraussetzung hatte.

Das zweite Moment in diesem Zusammenhang ist einerseits Folge des ersten, in gewissen Sinne schon der Versuch, die Folgen der Globalisierung einzufangen und zu korrigieren, verstärkt aber paradoxerweise zumindest vorerst diese Folgen. Es ist der Versuch, verlorengegangene politische Handlungsspielräume auf supranationaler Ebene zurückzugewinnen. Es ist die Etablierung der Europäischen Union die - wieder zitiere ich Habermas - "selber Züge eines Staates" annimmt, der EU, die sich zu einem, wie ich sagen würde, "Staat neuer Art" entwickelt. Zwar versucht die EU immer noch den Anschein zu erwecken, es handele sich bei ihr um einen Bund souveräner Staaten.

Dabei ist sie längst darüber hinaus. Um nur ein Beispiel zu nennen: So wird das noch immer weitgehende Einstimmigkeitsprinzip im Europäischen Rat, das die Mitgliedsstaaten mit einem Veto ausstattet, als Beweis für die Souveränität der Mitgliedsländer gewertet. Dies ist aber nur insoferne richtig, als es nicht möglich ist, Souveränität gegen den Willen eines Mitgliedsstaates von der nationalen Ebene auf die supranationale Ebene zu verlagern. Ist dies aber einmal geschehen, hat der Mitgliedsstaat keine Möglichkeit mehr, die Kompetenz wieder zurückzuverschieben; es sei denn, die einmal getroffene Regelung wird wiederum einstimmig von allen Mitgliedsstaaten revidiert - was aber praktisch kaum vorsellbar ist. Auf diesem Wege sind immer mehr Politikbereiche, die bislang in der Kompetenz des nationalen Gesetzgebers - der Parlamente - lagen, auf die supranationale Ebene verlagert worden.

Dies wirft für die demokratischen Wohlfahrtsstaaten Westeuropas ein doppeltes Dilemma auf. Zum ersten haben wir gesehen, daß die Legitimiät der Nationalstaaten auch aus ihrem sozialen Prosperitätsversprechen rührte, aus ihrer Bereitschaft, legitime Interessen abzusichern. Bisher geht von der europäischen Integration, aufgrund des Mechanismus', mit dem diese Integration vonstatten geht, aber vor allem Druck auf die Wohlfahrtsstaaten aus, woraus sich - um das mindeste zu sagen - nicht unbedingt ein Legitimitätszuwachs für die europäische Staatsbildung ergibt. Zum zweiten wächst der Verantwortlichkeit der nationalen Politik dem Volk - ihren Wählern - gegenüber keine ähnlich ausgeprägte Verantwortlichkeit der europäischen Institutionen nach, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Kompetenzen in einem Netzwerk verschiedener, von einander abhängiger Zuständigkeiten verlieren. Dies führt dann nicht nur dazu, daß - wie Fritz Scharpf, einer der besten Kenner der Materie, schreibt - "Bereiche, die früher durch authentische und effektive Kollektiventscheidungen in demokratisch konstituierten Gemeinwesen geregelt wurden, entweder durch neu entstandene externe Zwänge determiniert werden oder unter die Kontrolle politisch nicht verantwortlicher Stellen geraten", sondern - was die Sache erst so richtig schlimm macht - daß dies von den Bürgern auch so gesehen wird. Daß das Europäische Parlament ihr Parlament ist, daß die EU-Kommission die "ihre" ist, das wollen die Europäer nicht recht einsehen. Dies hat Auswirkungen auf die Imagination dieses Europas, die leicht einsehbar sind, es hat aber auch ganz praktische Folgen: Weil die EU-Kommission nicht nur bloß über beschränkte Macht, sondern vor allem über nur geringes symbolisches Kapital verfügt, liegt alles politische Gewicht bei den Vertretern der Nationen im Europäischen Rat. "Positive Integration" im Sinne von wesentlichen neuen Impulsen für dieses "europäische Gemeinwesen" kann hier beinahe ausschließlich nur von den nationalen Regierungen ausgehen, und nur sie haben die politische Autorität, umstrittene Entscheidungen auch durchzusetzen. Weil die sensu strictu supranationale Politik nicht über ausreichend Autorität verfügt, hängt ihre Effektivität "von ihrer Fähigkeit ab, politische Opposition zu vermeiden, indem sie entweder unterhalb der Schwelle politischer Wahrnehmbarkeit bleibt oder indem sie sich auf konfliktminimierende Lösungen beschränkt" (Scharpf, S. 30). Kein Wunder, daß es selbst den begeistertsten Europäern schwer fällt, sich für die real existierenden europäischen Institutionen zu begeistern.

Es ist vor diesem Hintergrund beinahe auszuschließen, daß die europäischen Institutionen die Autorität gewinnen, wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen durchzusetzen, die einen sozialen Fortschritt darstellen - und von den europäischen Bürgern auch als solche wahrgenommen werden könnten -, wohingegen das Moment der "negativen Integration", des Abbaus marktverzerrender Regulierungen mit Hilfe des Wettbewerbsrechtes (und mit Hilfe des EuGH, also des Instituts des Richterrechtes) dramatisch überwiegt. So ist zwar theoretisch richtig, daß die Integration das Instrument ist, das europäische Sozialmodell (Singular!) im Kontext der globalen Konkurrenz zu verteidigen, praktisch setzt die Integration den konkreten europäischen Sozialmodellen (die immer nur im Plural existieren) zusätzlich zu.

III.

Wenn die Integrationsleistung, die ein Gemeinwesen zu erbringen versteht, umso größer ist, umso mehr es als eines akzeptiert wird, das Gerechtigkeit und allgemeine Prosperität zu fördern vermag, dann macht es die Europäische Union ihren Bürgern nicht eben leicht, sich aus vollem Herzen als solche zu fühlen. Doch dabei wissen wir alle, daß dies noch nicht einmal die einzige Hürde ist, die Bevölkerungen der europäischen Staaten als ein demokratisches "Wir" zu konstituieren.

Nahezu alle Beobachter der Szenerie sind sich einig: Daß der nationalen Politik immer mehr wichtige Zuständigkeiten entzogen werden, die entweder außerpolitische Akteure - vor allem ökonomische - usurpieren oder aber auf die supranationale Ebene verlagert werden, dort aber keine demokratische Willensbildung, die den Namen verdient, möglich ist, eröffnet ein gewaltiges Dilemma. Daß die Bürger ihre nationalstaatlichen Institutionen, wie ausgehöhlt sie auch immer sein mögen, in einem eher verzweifelten Reflex "gegen einen supranationalen Wohlfahrtsstaat verteidigen" ( Wolfgang  Streek, S. 396), und damit eine Dynamik in Gang setzen, die ihren eigenen Interessen entgegensteht, ist ohne Zweifel ja auch eine Facette unserer österreichischen Malaise. Darum auch nennt Pierre Bourdieu, den wir kommende Woche an diesem Ort begrüßen dürfen*, den Aufschwung des rechten Populismus eine "Revolte in bizarren Formen".

Das unbestrittene Legitimationsproblem der europäischen Institutionen wird sich freilich nicht so leicht - und nicht so schnell - lösen lassen. Egal, ob man einen gleichsam heroischen Gründungsakt einer "europäischen Demokratie" favorisiert, wie Jürgen Habermas, oder eher vorschlägt, wie das Joschka Fischer in seiner vieldiskutierten Berliner Rede tat, daß die Union zwar konstitutionell geordnet wird, die Legitimität des föderalen Europa aber weiter von der Legitimität der nationalen Politik zehren soll, etwa, indem man dem Europaparlament eine zweite "Nationalitätenkammer" beigesellt, an dem grundsätzlichen Dilemma ändert sich nichts. Das "dreifache Defizit" - wie das Fritz W. Scharpf nennt (S. 167) - ist so bald wohl nicht zu überwinden: der Mangel nämlich "einer präexistierenden kollektiven Identität, das Fehlen europaweiter politischer Diskurse und die Abwesenheit einer europaweiten institutionellen Infrastruktur politischer Parteien und gemeinsamer Medien, welche die politische Verantwortlichkeit von Amtsinhabern gegenüber einer europäischen Wählerschaft sicherstellen könnte"; daraus folgt, "daß die europäische Politik für die absehbare Zeit nicht als Herrschaft durch das Volk legitimiert werden kann".

Darum hatte es Jean-Pierre Chevenment, der linke französische Patriot, leicht, in seiner Sommerdebatte mit Joschka Fischer zu punkten. Indem er feststellte, "daß es heute ein europäisches Volk nicht gibt" ("Die Zeit" 21. Juni 2000). Ähnlich formulierte der liberal-konservative deutsche Philosoph Hermann Lübbe: "Ein europäisches Volk ist politisch nicht existent, und wenn es auch keine Gründe gibt zu sagen, daß eine volksanaloge Zugehörigkeitserfahrung der Europäer undenkbar wäre, so sind derzeit doch keinerlei Umstände erkennbar, unter denen ein legitimitätsstiftender europäischer Volkswille sich bilden könnte." (Zit nach Habermas., Einbeziehung S. 182)

Heute, wo der Nationalstaat an seine Grenzen stößt, "ist sein Beispiel dennoch lehrreich" (Einbeziehung S. 141), hat Jürgen Habermas angemerkt, und damit gemeint, daß es darum ginge, daß die Bürger Europas lernen, "sich über die nationalen Grenzen hinweg gegenseitig als Angehörige desselben politischen Gemeinwesens anzuerkennen". Die europäische Politik müsse "von einer europaweiten demokratischen Willensbildung getragen werden, und diese kann es ohne solidarische Grundlagen nicht geben ...", was im Grunde voraussetzt, "daß beispielsweise Schweden und Portugiesen bereit sind, füreinander einzustehen" (Habermas, Die postnationale Konstellation S. 148 - 150)

Auch wenn ich zuzustimmen bereit bin, daß der Begriff des Volkes, des "Wirs" nicht von einer quasimetaphysischen Vertrauensbasis einer "gewachsenen Gemeinschaft" abhängt, braucht es

-     wohl mehr als nur eine europäische Verfassungsgebung - und die alleine ist beinahe eine Jahrhundertaufgabe,
- wohl auch mehr als die Möglichkeit, ohne Paß in Westeuropa zu reisen,
- auch mehr als die Erfahrung, die wir alle bald machen, nämlich, daß alle EU-Europäer mit einer Währung bezahlen,
- es braucht eine funktionierende europäische Öffentlichkeit, auch wenn wir uns selbst die nur schwer vorstellen können,
- ein völlig europäisiertes Parteiensystem, mit gemeinsamen Spitzenkandidaten bei den EU-Parlamentwahlen und grenzüberschreitenden Kampagnen,
- die Aufwertung der EU-Kommission zu einer Regierung, das Wechselspiel von Mehrheit und Opposition in den europäischen Institutionen, anstelle des Konsenses und der Händel nationaler Regierungen.
- sodaß die Bürger diese Institutionen tatsächlich als die Adressaten ihrer Forderungen sehen - und sei dies, daß sie heftig gegen Entscheidungen, etwa der Kommission, protestieren.
- Und schließlich braucht es zusätzlich zu all dem noch etwas, was es ohnehin für all dies auch schon braucht: ausreichend Zeit nämlich.


Die Frage ist, und ich stelle sie nicht polemisch, sondern wirklich fragend, ob uns die Bürger Europas diese Zeit lassen werden. Wir haben, angesichts des Erodierens der nationalstaatlichen Politik, gar keine andere Wahl als auf die Konstitution eines europäischen Volkes zu setzen, es ist nur die Frage, was wir tun sollen, bis dahin, bis dies endlich geglückt ist - wenn es denn überhaupt glückt? Können wir den Unterprivilegierten in unseren erodierenden Nationalstaaten mit ihrem bröckelnden wohlfahrtsstaatlichen Konsens den Rat geben, sie mögen sich gedulden, bis wir in Europa weiter sind? Richard Rorty, der linke amerikanische Philosoph meinte dazu: "Vielleicht bekommen wir dann Revolutionen von Rechts, bevor irgendjemand funktionsfähige supranationale Institutionen installieren kann."

IV.

Ich kann sicherlich hier dieses Dilemma nur ansprechen, nicht zufriedenstellend auflösen. Ich möchte nur einen Hinweis geben: ich glaube, daß wir gewissermaßen bis dahin in zwei Richtungen blicken müssen - nach Europa und in unsere Nationalstaaten. Was ich damit im Einzelnen meine, und was dies für eine Linke bedeutet, die sich schwer tut, sich als patriotische zu verstehen, darüber möchte ich, soweit ich darüber zu reden imstande bin, kommende Woche im Rahmen des Kongresses "Opposition Bilden" * sprechen.

* Der hier zweimal angesprochene Kongreß "Opposition Bilden" der "Demokratischen Offensive" fand vom 10.-12. November, unter anderem im Künstlerhaus, statt. Texte und Dokumente, darunter auch mein Vortrag, auf dem hier Bezug genommen wird, finden sich unter www.demokratische-offensive.at im Internet.

Auswahl aus der verwendeten Literatur:
Jürgen Habermas: Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie. Frankfurt / M. 1996.
Jürgen Habermas: Die postnationale Konstellation. Politische Essays. Frankfurt / M. 1998.
Fritz W. Scharpf: Regieren in Europa. Effektiv und demokratisch? Frankfurt / M. - New York, 1999.
Wolfgang Streeck: Vom Binnenmarkt zum Bundesstaat? Überlegungen zur politischen Ökonomie der europäischen Sozialpolitik. In: Stephan Leibfried / Paul Pierson: Standort Europa. Frankfurt / M. 1998.




heimat 01: "Materialsichtung"

electronic music performance
von und mit

Oliver Augst (voice, electronics)
Marcel Daemgen (soundsystem)
Thomas Désy (sampling, electronics)

Thomas Désy: Gesampeltes Material aus der Straßenbahnlinie 1, der Ringstraße, dem Loop um das Wienzentrum. Geänderte Stationsnamen als die Fiktion der anderen Heimat. Verkehrsmittel, Stationen = Niemandsort und öffentlicher Raum.




Ernst Dorfi

Europa, von Österreich betrachtet:
Himmlisches Europa


Es ist Nacht in Europa und kein Licht trübt den Blick auf den Himmel. Wir schreiben den 7. Jänner, im Jahr 1610 und ein kleiner Lichtpunkt wird auf den Namen Medici II getauft. Europa [1] wird zum ersten Mal von Italien betrachtet. Schwach, als winziger Lichtpunkt steht er an der Grenze des Erkennbaren und unserer Erkenntnis. Galileo Galilei hat ihn für uns mit seinen kleinen Fernrohr entdeckt. 5 Jahre später schlägt Johannes Kepler für Medici II den Namen Europa vor. Rechts oben im Bild entdecken wir ihn, so können wir Europa von Österreich aus betrachten. Knapp 2 Tage später sehen wir ihn ganz links unten. Die Positionen wechseln schnell, von rechts außen nach links außen. Und heute, fast 400 Jahre später, finden wir elektronische Späher über Europa, ausgestattet mit modernster Technik überwachen künstliche Augen jeden Winkel auf der Oberfläche. Es bleibt ihnen kaum etwas verborgen. Immer mehr Geheimnisse versuchen wir Europa zu entreissen. Datenströme fließen, Datenbanken füllen sich mit Bildern von Europa. Wo bleibt noch Platz für unsere Phantasie? Doch je genauer wir sehen wollen, umso mehr Rätselhaftes sehen wir, umso verwirrender wird unser Bild von Europa. Unverständliches, Verwirrendes schicken wir gerne in den weiten Himmel. So schaffen himmlische Mächte einen himmlischen Frieden, den wir uns dann als Himmel auf Erden zurückwünschen.

Europa ist schwer im Stress [2]. Die Schwerkraft zieht kräftig an Europa. Fortwährend muss er gegen die Gravitation ankämpfen. Jupiter, der Koloss in unserem Sonnensystem zieht alle in seinen Bann, insbesondere den kleinen Trabanten Europa. Jupiter hat Europa fest im Griff, er schafft eben Ordnung in seiner Umgebung und läßt Europa keinen Spielraum. Kräfte zerren permanent an ihm und rauben ihm die Ruhe. Eine Zerreißprobe zwischen links und rechts, oben und unten, vorne und hinten. Kaum versucht er torkelnd auf seiner Bahn ins Gleichgewicht zu kommen, entstehen jeden Tag neue Spannungen. Wie geht Europa mit diesen Spannungen um? Erneut aufgerieben, droht er fast zu platzen und von den äußeren Kräften zermalmt zu werden. Das Zerren und Ziehen reibt an seinem Innersten, Europa erhitzt sich. Und dann gilt auch hier: Alles fließt. Nur dieser fließende Zustand rettet Europa, denn Starre führt zum Bruch, in der Folge zu Auflösung und Auslöschung. Gerade die vielen Spannungen, ausgelöst durch dauernde Bewegungen im Spannungsfeld, machen Europa so einzigartig, so außergewöhnlich, entreissen ihn der Eintönigkeit, bewahren ihn vor der Tendenz öder Verkrustung. Doch welche Chance zu überleben hat Europa? Landschaften deformieren sich, schrammen aneinander vorbei. Regionen schmelzen, brechen ein und verschwinden, Grenzen verschwimmen und verschieben sich, Teile werden neu zusammengefügt. Nur das Ganze, nur ganz Europa überlebt, ständig neu durchmischt bleibt kein Stein auf dem anderen.

Jupiter ist nicht wählerisch, er nimmt alles, was seinen Weg kreuzt. Jedes Staubkorn, jeder Stein, jeder Felsen, der ihm zu nahe kommt, ist verloren. Es gibt kein Entrinnen, alles wird aufgesogen. Und Europa, in der Einflußsphäre Jupiters, muss das ausbaden. Er wird mit himmlischen Projektilen, die in rasendem Flug auf ihn stürzen, bombadiert. Bomben [3], die eigentlich Jupiter gelten, treffen Europa. Und das widersprüchliche Bild Bomben für den Frieden, den himmlischen Frieden drängt sich in meinem Kopf auf. Hier treffen die Bomben, die unser irdisches Europa vor Verwüstung und Zerstörung retten. Das Bombardement endet nicht, es war immer da und ist nicht vorhersehbar. Trotzdem: Jeder Körper, der auf Europa einschlägt, ist für die Europäer ungefährlich geworden. Ist es nicht tröstlich, jemanden zu haben, der Ordnung schafft, der für uns seinen Eispanzer hinhält? Narben und Krater durchziehen das Bild. Der Eispanzer Europas, Millionen Jahre altes Eis zersplittert in konzentrischen Kreisen. Das Bild gleicht einem gigantischen Hammerschlag. Das kosmische Projektil bohrt sich ins Innere Europas und hinterläßt Verwüstung. Überall sind Sprünge, Gräben, Furchen, Rillen, die sich mit Flüssigkeit aus dem Inneren füllen, um an der eisigen Kälte des Weltraums zu erstarren. In einer kosmischen Landschaft, in diesem großen Plan, darf es keine Löcher, Gräben oder Furchen geben.

Fast wie Blutgefäße [4] durchziehen feine Risse das bläulich schimmernde Eis und erinnern an pulsierendes Leben. Warum schwirren solche Bilder durch unsere Köpfe? Wir können Europa sehen, nicht mit freiem Auge, aber im Fernrohr. Wir müssen unseren hochfliegenden, elektronischen Spähern vertrauen, denn wir sind Europa nie nahe. Er ist Millionen Kilometer entfernt, kreist um den Koloss Jupiter. Er zieht seines Weges ohne sich um uns zu kümmern. Wir sind Europa nicht wichtig. Nicht wir, sondern Jupiter ist das Zentrum Europas. Wir können Europa nicht begreifen. Wir hören Europa nicht, wir riechen Europa nicht, wir tasten Europa nicht. Nur mit den Augen, verstärkt durch die überdimensionalen Brillen, schaffen wir eine Verbindung zwischen Europa und uns. Und warum soll Europa ohne uns existieren? Denken wir 400 Jahre zurück, wo das Weltbild aus den Fugen gerät, weil der Kontinent Europa entzaubert wird, weil er nur mehr Teil einer sich im leeren Weltraum drehenden Kugel ist. Verdanken wir nicht Kepler Europa? Gibt es Europa nicht erst durch uns, durch diese Benennung, durch die Betrachtung mit Linsen, durch die Bilder?

Der Druck [5] ist groß auf Europa. Es brodelt und kocht unter der Oberfläche. Das Innere strebt nach außen, will die Innenwelt zur Außenwelt machen. Unter dem Eis kochen Vulkane, auf jede Schwäche Europas wartend, sammeln sie ihre Kräfte. Der himmlische Hammerschlag macht den Weg frei. Das Zerren und Kneten Jupiters macht das Aufbrechen leicht. Es ist schwer, diese Kräfte, einmal entfesselt, im Zaum zu halten. Hier gibt es viel Aufgestautes, das nach oben will. Ein bräunliches Etwas dringt durch jede Pore, quillt in jeden Freiraum, und macht sich in jeder geschaffenen Nische breit. Blaugrüne Gräben bekommen braune Ränder. Europa hat kein bleibendes Gesicht. Alles ist in langsamer Bewegung, die Oberfläche gleicht einen trägen Ozean aus Eis.

Der fortwährende Kampf [6] zwischen Kälte und Wärme, zwischen Nachgeben und Starre formt Europa. Ein weicher Kern, eingesperrt in einer harten Schale, verkrustet zu Europas Erscheinung. Furchen durchziehen das Bild, Aufbrechen und Füllen. Quetschen, Reiben, Schieben, Drücken. Und endlich sehen wir die eisigen Strömungen, die Europa in den letzten Jahrhunderten geformt haben. Alle wollen nach vorne, alle wollen nach oben, alle wollen Platz, am besten einen Platz an der Sonne. Ein Übereinander, ein Untereinander, millionenmal und immer wieder. Es ist ein Gegeneinander, kein Miteinander, und es gibt keine Sieger. Die Großen verdrängen die Kleinen, die vielen Kleinen zerlegen die Großen. Ein unüberschaubares eisiges Labyrinth entsteht, um sich gleich wieder zu verändern. Die Zerstörung scheint das Wesen Europas. Der Wiederaufbau ebenso, ein dauernder Wechsel von Zerstören und Aufbauen prägen Europas Erscheinungsbild.

Eisschollen [7] reiben aneinander, gleiten entlang eisiger Kanäle. Grenzen verschwimmen. Alles fließt und ist schwer zu fassen. Was auf der Kugel Europa nach vorne geht, kommt von hinten zurück. So wird aus links nach einer Weile rechts und umgekehrt. Die Gegensätze verschwinden an einem Ort, um sich anderswo gewaltiger aufzutürmen. Doch diese Türme sind auf Eis gebaut, das unter dem Gewicht zusammenbricht. Trotz aller Rillen, Schrammen und Löcher bleibt Europa ziemlich glatt. Nichts darf zu groß werden, nichts zu hoch hinaus wachsen. Das Mittelmaß diktiert die Form, am besten eine Stromlinienform. Hier spreche ich als persönlich betroffener Forscher. Meine eigene Betroffenheit, denn Forschen in Österreich ist keine Kulturleistung. Wissen schaffen ist schwierig in Österreich. Dieser Kampf um Ressourcen und Möglichkeiten verschwendet viel Energie, die wir zur Kreativität, zur Neugier und zum Nachdenken brauchen. Neugier für Europa, Nachdenken über Europa, Betrachten von Europa, auch von und für Österreich. Es ist mühsam, den Raum täglich neu zu erkämpfen. Es ist leicht, der Strömung zu folgen und ihr keinen Widerstand entgegenzusetzen. Aber die Stromlinienform schafft keinen geistigen, offenen Raum, in dem auch dieses Europa einen Platz findet.

Die elektronischen Augen zeigen uns ein neues Bild [8] von Europa. Unsere Augen wandern darüber und wir beginnen eine Stadt zu entdecken. Von oben aus großer Höhe gesehen, entfaltet sie ihre Struktur vor uns. Sie scheint von mehreren Straßen durchquert und von geometrischen Figuren, vielleicht auch Feldern, umgeben. Es gruppieren sich zahlreiche Häuser und mit etwas Phantasie können wir Grünanlagen, vielleicht auch Flüsse, erahnen. Es ist schön, sich nicht alleine zu wissen. Aller Wünsche zum Trotz müssen wir wachsam bleiben, wenn sich unsere Vorstellungen auf Europa richten. Unsere Betrachtung hat auf der zerklüfteten Eiswüste Europas keine Entsprechung. Unsere Projektion hält nicht stand und die erhoffte Struktur zerfällt. Die Straßen zerbrechen in Eisrinnen und der eingebildete Plan entpuppt sich als Täuschung. Wir bleiben alleine im Eismeer, gerade auf Europa.

Haben wir uns mit Europa im Kreis [9] gedreht, haben wir uns zu sehr dem freien Spiel der Kräfte überlassen? Furchen werden Kreise. Was als gerade Linie beginnt, krümmt sich nun. Konturen, die wir verfolgen, verschwimmen hinter der nächsten Kurve. Wo bleibt die Stärke Europas, wenn an jeder Wunde die Kräfte zu einem Zentrum zerren? Was hält stand, wenn sich neue Untiefen auftun, wenn jeder Riss zum Spielball der Gezeiten wird? Hauptsache, die Richtung stimmt und die ändert sich alle 4 Tage. Geradlinigkeit ist auf Europa eine Seltenheit und nur von kurzer Dauer. Doch der Weg des Bruchs bleibt sichtbar. Europas Gedächtnis erscheint im Eis verewigt, die Narben des Treibens sind nicht vergessen. Wir bewegen uns im Kreis und können den Gedanken nicht entfliehen. Unsere Späher zeigen uns die tiefen Narben und verhindern das Vergessen. Müdigkeit breitet sich aus, denn das Licht wird schwächer, und wir tauchen in die Leere und Dunkelheit des Alls.

Am Ende holt uns die Stille [10] ein. Es ist eine wahrlich lange Stille, eine Stille für Milliarden Jahre in einem kosmischen Kreislauf ohne Entrinnen. Lange für uns Menschen, seit 400 Jahren, blicken wir auf Europa. Doch was bedeuten diese 400 Jahre gemessen an Milliarden Jahren. Kurz erhellt durch die Betrachtung im Teleskop, fasziniert von den Bildern der elektronischen Späher sind wir aufgerieben und schauen nochmals zu Europa. Wir lassen die Bilder der Eiskruste mit ihren Brüchen und Gräben an uns vorbeiziehen. Wir denken an kosmischen Kollisionen, die Europas Oberfläche zerstören. Die Bilder haben uns viel über Europa und seine aufreibende Geschichte erzählt. Europa selbst bleibt stumm, denn ohne Luft keine Töne, keine Harmonie. Oder ist die kosmische Harmonie eine klanglose Harmonie der Stille? Wir warten auf Sphärenklänge, doch alles bleibt still.


Bildnachweise: Jupitermond Europa, aufgenommen von der Galileo-Sonde, ©NASA/JPL.




heimat 01: "Materialsichtung"

electronic music performance
von und mit

Oliver Augst (voice, electronics)
Marcel Daemgen (soundsystem)
Thomas Désy (sampling, electronics)

Marcel Daemgen: Heine, Grimm, Fichte, Brecht, Eichendorff, Schiller




Reinhold Knoll

Zerstörung oder Störung Europas durch Österreich

Wäre es nur bei Krähwinkel geblieben. Dort sagten ja die Füchse einander gute Nacht. Der Satiriker glaubte auch nicht den Verheißungen von 1848. Er erkannte, dass nicht bloß Reaktion oder der kaiserliche Schönling samt bayrischer Prinzessin diese neuen Freiheiten wieder abschaffen würden, sondern der Verlust des politischen Realitätsprinzips bei den Revolutionären verkehrte den Erfolg in die neoabsolutistische Perversion. Gleiches hatte auch Karl Marx am 18. Brumaire bemerkt, der Napoleon III. die unverhoffte Chance bot, den Spieß umzudrehen. Die konsequente Skepsis gegenüber allem ist der wesentliche Zug der Satire bei Nestroy. Sie ist destruktiv, desillusionierend, kritisch, pessimistisch, aber konstruktiv, idealistisch und optimistisch in der Rehabilitierung von Welt und Wirklichkeit. So war für knappe Minuten die Wirklichkeit erschienen, die niemand wollte. Somit war der Leidensweg der mitteleuropäischen Bevölkerung besiegelt. Das merkte man kaum, denn die eingebildete Nicht-Wirklichkeit in der Donaumonarchie war politische Doktrin geworden. Es war ein riesiges Krähwinkel. In dieser notorischen Selbstüberschätzung konnte das Realitätsprinzip erst durch einen Weltkrieg wieder zu Wort kommen. Und es stand unter dem furchtbaren Motto, dass nun die letzten Tage der Menschheit beginnen. Der Satiriker Karl Kraus analysierte unnachsichtig diese erbärmliche Niedrigkeit, die zahllosen Menschen das Leben kostete. Österreich-Ungarn hatte Europa einen riesigen Bombenkrater beschert, in dessen Trichter alle hochherzigen Versuche, alle Pläne und Perspektiven verschwanden. Ein roter Faden zieht sich durch die Geschichte der vergangenen 150 Jahre, in der Österreich für sich Weltgeltung beanspruchte, diese aber nur durch Weltkriege erreichte. Das scheint zwar einseitig, aber besitzt das kaum zu widerlegende Argument, dass es diese Mißgeburt begünstigte, eine österreichische Narretei, die sich das preußische Schwert anzueignen vermochte. Der zweite Bombenkrater im 20. Jahrhundert war noch gewaltiger als der erste.
Daraus haben die Österreicher nur wenig gelernt. Das kann in jenen betulichen Kommentaren gelesen werden, die gerade jetzt wieder Krähwinkel zitieren, die alles für Stürme im Wasserglas, die alles für ein politisches Theater halten - und nicht erkennen wollen, in ihrer Unterspielung den Ernst der Wirklichkeit bewußt zu verkennen.
In der bisherigen Darstellung ist nebenher zu erkennen gewesen, dass der Anteil Österreichs an den Zerstörungen in Europa unverhältnismäßig groß war, würden wir uns etwa wegen der Größe des Landes mit der Schweiz vergleichen wollen. Und diese historischen Fakten sollen auch genügen. Beginnen wir neu: Im Couplet ließ Nestroy die weiterhin gültigen Sätze singen:
"Ausspioniert hab´n s´ alles glei,
Für das war die Polizei.
Der Gscheite ist verstummt;
Kurz, ´s war alles verdummt."
Es ist das von Karl Kraus apostrophierte österreichische Antlitz, das sich in der Verweigerung der Wirklichkeit philosophisch dünkt und jede Verantwortlichkeit aufkündigt. Dieses österreichische Antlitz ist in gleichem Umfang bei Politikern und Medien reanimiert. Es ist die Voraussetzung für die andere Geschichte.
Neu ist, dass sich diese Landesgeschichte mit der europäischen liierte als hätten wir die alte Reichsgeschichte vor 1806 rekonstruieren wollen. Im Scherz hatte man deshalb behaupten können, dass mit dem Beitritt Österreichs zur europäischen Union diese in die Krise stürzen wird. Und so ist es auch gekommen. Zwei roten Fäden laufen seither nebeneinander. Der eine charakterisiert ein Europa, das immer schon ein falsches Wort gewesen ist. Es meint eine Einzahl ohne es zu sein. Die Mächte und entgegengesetzten Interessen bleiben erhalten, wie es Admiral Nelson stets gesehen hatte. Das Gemeinsame in Europa ist dessen "Amerikanisierung", allerdings ohne Verfassung und geeignete parlamentarische Repräsentation. Der erwünschte Singular ist bloß in der Ökonomie vorhanden, gerade noch in der Form der Kommissionen in Brüssel, ohne die sozialen Verbindlichkeiten fortzusetzen, die die Nationalstaaten zu bewahren hatten - deutlich geworden am Schicksal der Bauern und dem künftigen Los der Industriearbeiter. Die ökonomischen Vorstellungen Europas entpuppen sich als transzendentale Illusion, die mit politischer Irrationalität beantwortet wird. Sollte es eine europäische Idee geben, die mehr sein soll als hedonistische Selbstbestimmung und Reisevergnügen ohne Grenzen, mehr sein will als vereinheitlichte Währung oder Erinnerung an die bunte Geschichte, wird man schnell ins Stottern kommen.
Und dieses schwache Gebilde Europa konnte von Österreich gehörig ins Wanken gebracht werden, was man als Erfolg des hauseigenen Chauvinismus feierte. Dieser andere rote Faden durchkreuzte die europäischen Ambitionen. Und dazu war nicht extra eine andere Koalition erforderlich, keine Aufregung über die politische Pubertät, denn schon längst hatte man hier den Europäern gezeigt, dass die Institutionen in Österreich keinen dauerhaften und zuverlässigen Bestand haben. Die politischen Kriminalfälle haben deutlich erkennen lassen, dass an die Stelle der Institutionen das verläßlichere System von Komplicenschaft und Nötigung getreten war, dass die parteienstaatliche Demokratie sich in Perversionen auflöst und die nominale Macht des Staates gleichsam privatisiert erscheint. Der Störfall Österreich in Europa erhielt die richtige Einschätzung durch den polnischen Außenminister, nämlich nicht nur Chancen verspielt zu haben, sondern die europäische Intention einer Erweiterung grundsätzlich zu behindern. Hier hatte man ja immer von den Brückenfunktionen gesprochen, die so selten benutzt wurden wie die sprichwörtliche Solidarität auch nicht gilt, sollte sie nötig gewesen sein. Österreich hat die Schwächung der europäischen Gemeinschaftsformen zum Kriterium politischen Erfolgs gemacht und dafür ein Beispiel geboten als sollte es zur Nachahmung empfohlen worden sein.
Ebenso durchkreuzte der österreichische Faden die Ideenwelt der Demokratie. Es wird schwer nachzuweisen sein, dass hier direkt wirkende Reziprozitäten stattfanden, doch der Schaden ist erkennbar. Dieser beruht auf der Tatsache, wegen eines riskanten Spiels Zuschauer geworden zu sein, der mehr oder weniger mit Daumenhalten hoffen muß, dass sich wie durch ein Wunder wieder Normalisierung einstellt. Die Normalisierung zur Demokratie liegt aber nicht mehr in den Händen des Parlaments, noch weniger in der Konstitution eines Rechtsstaates, sondern im Glück, sollte die Kugel im politischen Roulette auf die richtige Zahl fallen. Die Seriosität politischer Meinungs- und Willensbildung ist schon in die Unwirklichkeit abgedrängt worden und erfährt in den Medien ihre nachhaltige Entmündigung.
Schon einmal hatte es den noch auf die Innenpolitik begrenzten Schadensfall einer kleinen Koalition gegeben, der die Erosion politischen Bewußtseins a la Krähwinkel eröffnete. Der zweite Schadensfall ist die Alliteration mit ähnlichen Gründen - allerdings mit der Perspektive, dass die beste Chance des Landes noch dort zu verwirklichen sein wird, wo es in die Europäische Union hineinstirbt. Die szenischen Gestaltungen sind bereits konzipiert. Für je einen Akt haben Robert Musil und Hermann Broch, Karl Kraus und Johann Nestroy, Thomas Bernhard und Elias Canetti die Drehbücher geschrieben. Die Schlußszene wird wieder am Heldenplatz sein. Die Frage ist, wer da den alten Balkon der Neuen Burg betreten wird?




heimat 01: "Materialsichtung"

electronic music performance
von und mit

Oliver Augst (voice, electronics)
Marcel Daemgen (soundsystem)
Thomas Désy (sampling, electronics)

Oliver Augst: eigene Textsammlung "Hohsang" von 1995 bis heute = Fundtexte aus dem Spessart (Mittelgebirge bei Frankfurt am Main)




heimat 01: "Materialsichtung"

Als Vorarbeit und "work in progress" für ein geplantes internationales Musiktheater-Projekt in 2001 geht es bei heimat 01 um die künstlerische Auseinandersetzung mit dem ur-deutschen Begriff Heimat.
Im Spannungsfeld zwischen freier Improvisation und Verwendung von sprachlich-klanglichen sowie literarischen Vorlagen soll Heimat auf subjektive Weise quasi öffentlich abgearbeitet werden.
Die persönliche Geschichte der einzelnen Performer, die sich natürlich aus ganz subjektiven Erfahrungen, Erlebnissen, Vorlieben, Gefühlen usw. zusammensetzt, wird zum Ausgangspunkt der klanglichen Aktion und mit dem ausgewähltem Text-, Sprach und Soundmaterial konfrontiert und verifiziert. Hat z.B. der in Volksliedern gepriesene Wald wirklich etwas mit der eigenen Auffassung von Heimat zu tun oder ist Heimat vielmehr ein persönliches Erlebnis, der Klang der (Mutter-) Sprache oder bestimmter Musik...?

Eine Coproduktion von TextXTND (Frankfurt) und zOoN music theatre (Wien)




Oliver Augst; Performer, Komponist, Bühnenbildner - Studium der visuellen Kommunikation mit Schwerpunkt Bühne an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und Studium Popularmusik/Performance an der Hochschule für Musik und Kunst in Hamburg; - seit 1991 Konzerte (Vocals/live-Elektronik) mit verschiedenen Ensembles, Raum-Installationen, Radio- und Bühnenproduktionen, CD-Veröffentlichungen, Solo-Performances, Kompositionen - seit 1999 Co-Kurator von "pol" (festival neue musik) im Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main

Marcel Daemgen; Klangtechniker, Komponist und Produzent - klassische Musikausbildung mit Schwerpunkt Klavier und Studiotechnik; - Konzerte und CD-Veröffentlichungen mit den Gruppen "freundschaft" / "arbeit" / "TextXTND" / "Imperial Hoot"; - Film-, Theater-, Ballett-, Improvisations-, und Popmusik; - seit 1990 live mit Mischpult, Rückkopplungsschleifen, Analogsynthesizer, Radioempfänger und CD-Player

Thomas Désy; Komponist - Musikstudium in Wien, Projekte für Neue Musik, Musiktheaterarbeit seit 1990 (Totales Theater, KlangArten, ZOON-electronic music theater). Aufführungen von Kompositionen u.a. durch "Die Reihe", "Öst. Ensemble für Neue Musik", Mozarteum-Orchester, Stuttgarter Vokalsolisten, "Les Percussions de Strasbourg". Kompositorische Arbeit mit Sprache und Sprachderivaten.

Ernst Dorfi, geboren 1956 in Santiago/Chile, ao.Univ.Prof. am Institut für Astronomie der Universität Wien, Dozent für theoretische Astrophysik, früher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astrophysik (Garching) bzw. Max-Planck-Kernphysik (Heidelberg), Alexander-von-Humboldt Stipendium, Gastprofessuren in Graz und Innsbruck Forschungsschwerpunkte: stellare Astrophysik, Supernovaexplosionen, kosmische Strahlung.

Reinhold Knoll, geb. 1941 in Wien, Dr.phil., Univ.Doz., ao.Univ.Prof. am Institut für Soziologie der Universität Wien und Mitglied der Wiener Katholischen Akademie, Redakteur für Innenpolitik im Österreichischen Rundfunk/Hörfunk (1970 bis 1972), Mitglied der Arbeitsgruppe "Deutsche Geisteswissenschaften in den zwanziger Jahren" der Fritz Thyssen-Stiftung, Mitherausgeber gemeinsam mit M. Benedikt der Geschichte österreichischen Philosophierens: Verdrängter Humanismus - Verzögerte Aufklärung.

Robert Misik, 34, Journalist (Ressortleiter Außenpolitik "Format"), Buchautor ("Mythos Weltmarkt" - Berlin 97, "Die Suche nach dem Blair-Effekt" - Berlin 99, "Republik der Courage" - Berlin 2000), Mitbegründer der "Demokratischen Offensive"




8. Stille, mit Dank an: Richard Ferkl, Boris Kopeinig, Graphische Kunstanstalt Otto Sares GmbH, Dieter Schrage, Bruno Stubenrauch, Synchro Film & Video.